Das Dimensionsportal

Die folgende Kurzgeschichte ist unter dem Stichwort „Das Dimensionsportal“ für einen Wettbewerb geschrieben worden. Viel Spaß.

Seiltricks

Der angenehme Duft von warmen Sand stieg Horsab in die Nase, als er sich an diesem Abend von den Weiden kommend, auf denen er das Vieh seines Vaters gehütet hatte, wieder zurück im Dorf einfand. Die Kühe gaben auf den Feldern einen penetranten Gestank ab, den Horsab sofort vergaß, als er einen tiefen Atemzug vom Odem der Wüste nehmen konnte.
»Sind die Rinder alle im Stall?«
»Ja, Mutter. Kann ich jetzt noch…«
Seine Mutter schenkte ihm einen wohlwollenden Blick. »Ja, lauf nur zu deinem Fels, mein kleiner Prinz.«
Horsab grinste als er den Titel vernahm. Er deutete eine knappe Verbeugung an und rannte dann los.
Seine Füße trugen ihn auf den abgewetzten Sandalen über Stock und Stein weg vom Dorf, hin zum Fluß. Sein dunkles Haar wehte im Wind und seine Mundwinkel blieben den ganzen Weg oben. Als er auf seinem Fels, seinem geheimen Platz ankam, stand er hoch über dem Flußufer und breitete die Arme aus, sog den Geruch von Wasser und Stein in sich hinein und spürte pure Freiheit. Tief unter ihm zogen kräftige Ochsen Schiffe den mächtigen Strom hinauf, Fischer vertäuten ihre Boote und eine große Galeere trieb träge paddelnd in der Mitte flussabwärts. Er ließ sich auf seinen Hintern fallen und beobachtete strahlend das rege Treiben in der schnell schwindenden Abenddämmerung. Der abendliche Blick hinab auf den mächtigen Nil war sein liebster Teil des Tages.

Als er seine Augen endlich von den Schiffen löste, hatten sich hinter ihm bereits die ersten Sterne aus dem Zwielicht geschält. Horsab stand auf und wand sich zum Gehen, als etwas am Rand seines Blickfeldes aufblitzte. Er blieb stehen und legte den Kopf schief. War es nur Einbildung? Dann sah er einen zweiten Lichtblitz, nur wenige Schritte entfernt hinter einem alten Baumstamm.
Vorsichtig näherte er sich der Stelle, als die beginnende Nacht mit einem Mal von einer Serie von hellen, blauen und weißen Explosionen erhellt wurde. Knistern und Knattern füllte Horsabs Ohren und wurde lauter. Schließlich bildete sich eine kreisrunde Scheibe aus blauem Leuchten. Mit offenem Mund näherte sich Horsab dem Objekt, streckte vorsichtig die Hand in Richtung der Erscheinung. Er konnte sehen, wie sich das blaue Licht auf seiner Hand brach und zögerte nur wenige Handbreit von der Spalte entfernt.
Gerade als er den Mut gefasst hatte, das Licht zu berühren, flog ihm etwas entgegen. Ein hartes, kantiges Ding knallte gegen seinen Kopf und ließ ihn zurücktaumeln. Horsab rieb sich die schmerzende Nase und musste feststellen, dass das Licht kleiner wurde. Innerhalb weniger Sekunden schrumpfte die durchscheinende Platte und verschwand mit einem leisen Zischen im Nichts. Unvermittelt fand sich Horsab in fast finsterer Nacht unter einem blühenden Sternenhimmel, mit pochendem Riecher und keinem Beweis für die Erscheinung.
Außer…
Das Etwas, welches ihn angegriffen hatte, musste hier noch irgendwo sein. Seine Augen brauchten ihre Zeit um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, immerhin war er noch vor wenigen Augenblicken von strahlend blauem Schimmer umgeben gewesen. Dann sah er es. Flach, rechteckig, braungelblich und kaum größer als sein Kopf lag es dort. Mit Bedacht bückte sich Horsab um das fremde Ding zu untersuchen.
Gebückt betastete er die seltsame Sache die aus dem Nichts gekommen war. Merkwürdige kleine Zeichen waren zu sehen, zu winzig um etwas zu erkennen im Dunkel. Die Oberfläche war glatt, fast wie ein Stein, aber weich, erinnerte ihn an dickes Schilf. Behutsam hob er das Objekt hoch, wobei es sich entfaltete und dabei ein schnatterndes Geräusch von sich gab. Vor Schreck ließ der Junge es direkt wieder fallen. Es blieb doppelt so breit wie zuvor liegen, Teile flatterten umher wie Palmblätter im Wind, lösten sich aber nicht. Sie sprangen nur hin und her. Es war zu finster um zu erkennen was es auf den vielen dünnen Flatterstücken zu sehen gab, er konnte nur hell und dunkel erkennen. Erneut hob er das Ding auf, er fühlte eine feste dicke Ober- und ebenso dicke Unterseite. Dazwischen dünne, flatternde Schnipsel wie dürres Seidenblatt. Ganz leicht konnte Horsab es zuklappen. Er klemmte sich das merkwürdige Objekt unter den Arm und marschierte durch die klare Nacht heim. Am nächsten Morgen würde ihm die Sonne einen genaueren Blick auf seinen neuen Schatz gestatten.

Die Sonnenstrahlen die durch das Fenster der Lehmhütte auf ihre Lagerstätten fielen, kitzelten Horsabs Füße. Aufgeregt sprang er beinahe senkrecht empor und sah sich nach der Kostbarkeit um. Doch sie lag nicht neben seinem Strohlager, wo er sie am gestrigen Abend gelassen hatte. Sein Blick flog durch den Raum. Sein Vater schlief noch, wie üblich. Doch seine Mutter und sein jüngerer Bruder waren nicht mehr im Haus. Horsab trat ins Freie.
Seine Mutter kam gerade mit Wasser vom Brunnen. Wahrscheinlich hatte sie das merkwürdige Fundstück nicht einmal bemerkt. Horsab ging langsam um die Hütte herum und fand wen er suchte auf der Rückseite sitzend mit dem Ding spielend.
»Wa dab?«, sabbelte der Winzling.
»Gib das her, Bruder«, mit grimmigem Gesicht entriss Horsab ihm sein Kleinod. Dann stockte ihm der Atem, als er in ein fremdes Gesicht blickte. Beinahe wäre ihm sein Schatz erneut aus den Händen geglitten. Da war ein Junge, wahrscheinlich in Horsabs Alter, gefangen in der Oberfläche des Dings. Seine Haut war blass, blasser noch als bei einem Toten. Er grinste Horsab an, trug abnormale dunkle Kleidung und hielt einen schwarzen Stab in seiner linken Hand, die in der Bewegung gefroren schien. Mit den Fingernägeln versuchte Horsab das Kind hinaus zu holen, doch er hinterließ nur kleine Kratzer. Den Kopf schüttelnd setzte er sich an die Hauswand und starrte weiter in die lebendigen Augen des leichenblassen Jungen.
»Hosab! Wa da?«, tönte es neben ihm, doch er ignorierte seinen Bruder.
»Entschuldige, ich kann dir nicht helfen.«, mit diesen Worten strich Horsab behutsam über das Gesicht und klappte die dicke Umfassung auf um sich das schmale, flattrige Innenleben anzusehen. Zu seiner Überraschung waren die dünnen Blätter voller starrer Jungen, das Kind von der Vorderseite war hundertfach zu sehen. Es war zu viel für Horsabs Verstand, er legte seinen Fund mit dem Gesicht nach Unten auf den Boden und als das nervige Kleinkind danach greifen wollte, setzte er sich schnell mit dem Hintern darauf. Der Kleine fing das Schmollen an, stapfte dann aber fort, so dass Horsab Ruhe hatte das Gesehene zu verarbeiten.
Es dämmerte ihm, dass die Gesichter, dass der Junge nur eine Abbildung war. Er hatte selbst schon mit Asche an der Hauswand gemalt, einige Silhuetten die sein Onkel gemalt hatte waren eindrucksvoll realistisch gewesen. Und als im letzten Jahr der Bürokrat aus Theben wegen der Volkszählung hier gewesen war, hatte Horsab Papyrus gesehen und auch darauf waren kleine Zeichnungen, manche sogar in Farbe. Trotzdem konnte er sich nicht vorstellen, wie man Abbildungen von derartiger Präzision machen sollte.
Auch die Zeichen, die kleinen schwarzen Symbole die überall in seinem Schatz zu sehen waren, kamen ihm nicht bekannt vor. War es eine Schrift? Horsab kannte niemanden der des Lesens mächtig war.
»Horsab, was machst du da hinter der Hütte?«, in der Stimme seiner Mutter schwang ein leicht verärgerte Ton mit.
»Nichts…«, aufgeregt sah er sich um. Ein Spalt an der Stelle an der Wand zu Dach wurde, kam in sein Blickfeld. Das Kleinod verschwand darin. »Ich komme schon!«

Der Tag flog leider nicht dahin. Ra schien keine Lust zu haben seinen Weg schnell zu beschreiten. Die Rinder grasten und Horsab wünschte sich Nil herbei. Er hatte beschlossen seinen Fund nach dem Fluss zu benennen, immerhin war das wundersame Ding in Sichtweite zum großen Strom aufgetaucht. Aber Nil hing gut versteckt in der Hauswand, hoch genug damit sein kleiner Bruder nichts davon bemerkte. Nach einer gefühlten Ewigkeit auf den Weiden, konnte Horsab es garnicht erwarten die lahmen Rinder am Abend wieder nach Hause zu führen. Nachdem die Tiere eingeschlossen waren, machte er sich nicht die Mühe seine Mutter um Erlaubnis zu fragen. Er rannte direkt zum Versteck, wollte Nil holen.
Nil war weg.
Unmöglich! Wie hätte sein winziger Bruder dort ober rauf kommen sollen? War Nil abgestürzt?
»Horsab? Komm her«, seines Vaters Stimme hörte der Junge sonst nicht oft. Sie kam von Drinnen. Als Horsab durch den Eingang blickte, sah er seinen Vater mit Nil in der Hand auf der Bank sitzen.
»Was in Nuts Namen ist das?«
»Wie hast du Nil gefunden?«, Horsab trat vor, während sein Vater die Augenbrauen hoch zog.
»Nil? Was spielt das für eine Rolle, beantworte meine Frage! Was ist das?«
»Ich… ich weiß es doch auch nicht.«, sein Blick sank zu Boden. »Am Ufer, bei meinem Felsen hab’ ich es gefunden. Darum nenne ich es Nil, wie der Fluss.«
»Es sieht merkwürdig aus.«, sein Vater wand Nil in den Händen. »Könnte aber auch wertvoll sein. Du darfst es behalten, bis der Händler aus Luxor kommt, dann sehen wir, was es wert ist. Pass aber darauf auf, dein Bruder hat schon ein Stück beschädigt…«
Ein Stück eines Flatterblattes hing heraus aus Nil. Horsab trat vor und nahm Nil entgegen. »Wenn es kaputt ist, zahlt uns der Händler vielleicht nichts. Also Vorsicht. Verstanden?«
Der Junge nickte. »Danke, Vater.«

Der Sonnenuntergang hatte bereits begonnen, als Horsab sich mit Nil auf seinem Felsen niederlies. Die wenigen verbliebenen Strahlen wollte er unbedingt nutzen, ebenso wie die wenigen Tage die ihm mit Nil bleiben würden. Vorsichtig blätterte durch Nil, versuchte die vielen Bilder zu verstehen. Während das Licht schwand, begriff er, dass er eine Anleitung in den Händen hielt. Er verstand nur nicht, was sie erklärte.

Die nächsten Tage verbrachte Horsab beim Viehhüten mit intensiven Studien. Es gab Gruppen von Bilderfolgen die thematisch zusammen passten und hintereinander auszuführen waren. Ohne die Erklärungen die sich in den Zeichen unter den Bildern befinden mussten, waren viele Schritte schwierig nach zu vollziehen. Eine Gruppe schien sich mit metallischen Ringen zu beschäftigen, eine andere mit merkwürdigen Papyrusrechtecken. Aber eine Gruppe, die längste von allen, fiel Horsab besonders ins Auge. Es ging um Seile.
Für den folgenden Tag schnitt sich der kleine Viehhirte Seile zurecht, so wie in den Bildern gezeigt. Die Stunden auf der Weide übte er die Folgen, versuchte die Handgriffe des blassen Jungen nachzuahmen. Schließlich gelang es ihm für die erste kurze Folge und er begriff.
Es war Magie.

Am Abend versammelte Horsab seine Familie um zu demonstrieren, was er gelernt hatte. Alle voreiligen Fragen beantwortete er nur knapp mit »Ihr werdet schon sehen, ihr werdet staunen.«
Seine Eltern, sein Onkel mit dessen Frau, seine Cousins und Cousinen, alle saßen in einem Halbkreis um seine Hütte und warteten auf seinen Auftritt.
Schließlich trat Horsab vor und hielt die drei vorbereiteten Stricke in seiner rechten Hand. »Ich habe hier drei Seile. Ein kurzes, ein mittleres und ein langes.«
Niemand sonst sagte etwas.
»Wenn ich aber die Enden zusammenlege…«, Horsab wusste nicht, ob er die richtigen Dinge sagte. Er improvisierte. »Die einzelnen Stricke sind natürlich weiterhin unterschiedlich lang.« Es dauerte viel länger als er dachte und die Skepsis in den Augen seiner Familie verunsicherte Horsab zunehmend. »Wie sollte ich die Seile auch plötzlich länger machen, richtig?« Er brauchte einen guten Abschluss und brachte das erste Gebrabbel hervor, das ihm einfiel. »Abrakadabra!«, und riss dabei die Hände auseinander. Drei gleich lange Seile hingen zwischen seinen Fäusten.
Der Effekt war überwältigend.
Seine Tante hielt sich die Augen zu, seinem Vater stand der Mund offen und er hörte gepresste Worte: »unmöglich«, »Zauberei«, aus der Richtung seiner Vetter.
»Wie hast du das gemacht?«, sein Onkel stand auf um näher zu kommen. Horsab wollte sein Geheimnis nicht preisgeben und entfaltete die Seile schnell.
»Ich habe nichts gemacht. Siehst du, drei Seile, verschieden lang.«
Sein Onkel entriss ihm die Stricke. »Das ist unnatürlich, schwarze Magie. Woher hast du plötzlich diese Macht?«
Horsab hörte wie seine Mutter schluchzte und sah nun auch seinen Vater zu ihm herüber kommen.
»Nil hat es mir gezeigt.«
»Der Fluss? Wie sollte er…«
Sein Vater unterbrach den älteren Onkel. »Er hat ein Ding am Fluss gefunden, voll mit unnatürlichen Abbildungen. Ich habe gesehen, dass da auch Seile waren.«
»Ja, ich nenne meinen Schatz Nil. Und er enthält Anleitungen.«
Sein Onkel riss die Augen auf. »Anleitungen zu schwarzer Magie? Wir müssen dieses Ding vernichten!«, die Gesichtsfarbe seines Onkels glitt immer mehr in Richtung rot.
»Nein, versteh doch. Es ist eine Lüge, ein Trick. Es sieht aus wie Zauberei, aber es ist harmlos.«
»Trick?«, der Bruder seines Vaters zog die rechte Braue hoch.
»Ja, wirklich es ist nichts dabei.«, zur Unterstreichung seiner Worte rüttelte Horsab an den Stricken, die sein Onkel noch immer fest hielt.
Sowohl sein Onkel, als auch sein Vater verschränkten die Arme und legten die Köpfe schief. Ihre Verwandtschaft wurde offensichtlich. »Zeig es.«
Und er tat wie geheißen. Seine Familie war begeistert, die Cousinen lachten und seine Mutter beruhigte sich. Sie alle wollten Nil sehen und als Horsab ihnen seinen Fund zeigte, war die Verwunderung erneut groß. »Du kannst diese Zeichen verstehen?«, fragte sein Cousin.
Horsab überlegte einen Moment und entschied sich gegen die Wahrheit. »Ja, ich habe Nil studiert und kann ihn jetzt lesen. Es stehen noch viele Kunststücke darin und ich habe vor sie alle zu lernen.«
Sein Vater strich sich bedächtig über den Bart. »Vielleicht ist das keine schlechte Idee. Dann dürfen wir deinen Nil natürlich nicht verkaufen.«
»Wie meinst du das, keine schlechte Idee?«, Horsab wurde skeptisch.
»Stell dir vor, was die Leute uns bezahlen, nur um deine Wunder zu sehen, wenn du solche Magie beherrscht.«

Die kommenden Wochen verbrachte Horsab bei den Kühen nie ohne seine Seile oder ohne Nil. Alle Seiltricks die in seinen Blättern verborgen waren, wurden nach und nach hinausgesogen und Teil von Horsabs Repertoire. Nach zwei Monaten wollte er seinen ersten Auftritt vor großem Publikum angehen. Die Familie streute in den umliegenden Dörfern die Kunde von der Vorstellung, jeder wurde eingeladen dem Schauspiel von Horsab, dem Einmaligen, bei zu wohnen.
Am Abend als die Vorstellung beginnen sollte, Horsab hatte seinen Felsen als Bühne erkoren, wurde dem jungen Viehhirten ganz flau im Magen. Er sah immer mehr fremde Gesichter die sich in immer neue Reihen vor dem Felsen gruppierten. Duzende Menschen, mehr als Horsab Zahlen kannte, saßen oder standen dort nur um ihn zu sehen. Bei diesem Gedanken schwirrte ihm der Kopf. Natürlich kannte er alle Handgriffe, hatte Tage über Tage geübt und es gab keinen Grund anzunehmen, dass er es vermasseln würde.
Doch genau davor hatte er Angst.
Horsabs Vater hatte vorgeschlagen, dass er einige einleitende Worte sprechen würde. Niemand sollte gezwungen sein etwas zu zahlen, lieber wollte er die Leute um eine angemessene Bezahlung bitten, gemessen daran wie ihnen das Gezeigte gefallen würde. Es klang wie ein guter Plan.
Sofern Horsab es nicht in den Sand setzen würde.
Und hier gab es viel Sand zum reinsetzen.
Während sein Vater sprach und die Menschen gebannt lauschten, ordnete er zum vermutlich zehnten Mal seine Stricke.
»…genug der Vorrede, überzeugt euch nun selbst von den Wundern meines Sohnes.«, und mit einer einladenden Geste räumte sein Vater den Fels für Horsab.
Einmal tief durchgeatmet, dann trat Horsab vor. Er verbeugte sich tief und begann seine Vorführung.

Seine Hände flogen, die Seile folgten. Die Leute waren bereits nach dem ersten Trick begeistert, viele Münder standen offen. Nach seinem Zweiten fielen einige betend auf den Boden, mit dem Gesicht im Staub. Nach dem sich bei seinem dritten Trick die Stricke auf mystische Weise verbanden, sprang ein Mann auf und schrie »Gotteslästerung! Der Junge praktiziert schwarze Magie!«
Horsab ließ vor Schreck seine Seile fallen und schaute gehetzt zwischen seinem Publikum und seinem Vater hin und her. Immer mehr Leute sprangen auf und brüllten durcheinander, schimpften und beschuldigten ihn schlimmster Praktiken.
Er musste improvisieren.
»Bei Ra!«, er rief so laut er konnte, aber die Menschen schenkten ihm kaum Aufmerksamkeit. »Bei Ra!«, auch sein zweiter Versuch blieb ohne Erfolg. Im Gegenteil, der Lärm wurde nur lauter, die ersten kamen mit drohenden Fäusten auf ihn zu.
Da stellte sich sein Vater vor ihn.
»Hört meinen Sohn an!«, seine kräftige Stimme breitete sich über die Menge aus. Es wurde direkt ruhiger, aber sein Vater beließ es nicht dabei. »Ruhe! Hört meinen Sohn an und ihr werdet verstehen!«
Die Leute beruhigten sich.
Aber Horsab leider nicht. Er musste das Ruder herumreißen.
»Bei Ra, hört mich an!«, er hob seine Arme hoch und versuchte so selbstbewusst zu klingen, wie er konnte.
»Nichts heute geht gegen den Willen der Götter. Nichts was ich tue ist dunkle Magie. Ich kann das alles…«, er atmete nochmal tief durch, bevor er die nächsten Worte sprach. »Ich kann dies tun, weil mich Ra persönlich mit dieser Macht gesegnet hat.«
Eine vollkommene Stille, in der nur noch das leise Säuseln des Windes zu hören war, breitete sich aus. Sein Vater schenkte ihm einen zweifelnden Blick.
Dann rief der vorlaute Mann, der schon vor einigen Momenten den Aufruhr begonnen hatte: »Beweis es!«
»Kein Problem.«, siegessicher griff Horsab nach seinen Seilen. Sein großes Finale wartete auf seinen Einsatz.
»Nein! Lass das verfluchte Geflecht wo es ist, zeig irgendwie anders, dass die Götter dir Macht verleihen.«
Der Junge schluckte. Er hätte noch zwei weitere Seiltricks zeigen können und dann war da noch sein fantastisches, selbsterdachtes Finale, das er aus mehreren Tricks kombiniert hatte. Aber er konnte nichts anderes.
»Ich, ähm…«
»Der ist nicht von Ra gesegnet, der ist ein dunkler Zauberer!«
»Nein! Nein. Ich meine… ich…«, Horsab sah die stechenden Blicke der Dorfbewohner und begriff, dass er sein Schicksal zu vorschnell herausgefordert hatte. Verzweifelt riss er die Arme hoch. Er hoffte auf ein Wunder.
Und er bekam eines.
Plötzlich verdunkelte sich die Welt. Mit hängendem Kiefer warf sich Horsab zur Sonne herum und sah einen dunklen Schatten, der sich vor den Gott schob. Die Meute stieß Schreie, Jauchzen und Stöhnen hervor.
»Er nimmt uns die Sonne!«, »Ra ist mit ihm!«, »Beschütze uns Ra, beschütze uns Nut!«
Ungläubig schüttelte Horsab den Kopf, konnte sein Glück kaum fassen. Doch jetzt musste er die Gelegenheit nutzen, die ihm der Sonnengott bot. »Zweifelt nicht an Ras Weisheit! Der Herr der Sonnenscheibe hat sich mir zugewandt und atmet durch mich.«
Horsab drehte sich zurück zu den Menschen, von denen jetzt viele mit dem Gesicht im Sand beteten. Der vorlaute Mann war einer von ihnen. Er hob sein Gesicht, den Tränen nahe, und sah direkt zu Horsab. »Entschuldige, edler Horsab, dass ich an deiner Macht zweifelte.«
Die Sonne wurde wieder kräftiger. Über seine Schulter blickend, sah Horsab wie die schwarze Scheibe sich wieder vom Rund entfernte und das Sonnenlicht fiel ungehindert auf sie alle herab.
»Horsab hat uns erlöst!«, riefen die Leute ihm zu. »Horsab der Sohn des Ra!«
»Horsab war mein Geburtsname.«, der Junge mit dem unverschämten Glück war auf einem Höhenflug. »Von nun an nennt mich Narmertjai.«

»Jetzt kommen wir in den Bereich der ägyptischen Frühdynastien.«, die junge Frau in dem schnittigen dunklen Kostüm bedeutete den Besuchern den Weg.
»Hier sehen wir Abbildungen aus der Zeit von Narmer, dem ersten Pharao der ersten Dynastie, etwa dreitausend vor Christus.«
Während sie an den Exponaten vorbei ging, deutete sie passend auf die richtigen Hieroglyphen. »Narmer ist ein Pharao über dessen Herkunft die Archelogen bereits seit vielen Jahren streiten. Einer Theorie nach wurde er als armer Fischer am unteren Nil geboren und durch eine Sonnenfinsternis vom Gott Ra, dem Sonnengott erwählt. Narmer wird in vielen Abbildungen mit dem Nil in Verbindung gebracht, insbesondere soll er seine Kraft dem Fluss verdankt haben.«
»Öhm, Entschuldigung?«, der ältere Herr mit der dicken Hornbrille fragte mit brüchiger Stimme. »Was bedeutet Narmer?«
Die Dame lächelte. »Narmer, oder auch Narmertjai, bedeutet ‚furchteinflößender Wels‘. Andere Übersetzungen deuten auf ‚der Männliche‘. Hierüber bitte.«
Sie umrundete eine große Tafel die im Boden eingelassen und durch eine dicke Plexiglasscheibe geschützt war. Nachdem sie sichergestellt hatte, dass alle Besucher gute Sicht auf die Steintafel bekamen, setzte sie ihren Vortrag fort. »Diese Abbildung zeigt den Pharao mit seiner charakteristischen dreischwänzigen Peitsche ohne Griff. Die Längen der Riemen sind in allen Darstellungen von Narmer gleich. Ein sehr kurzer, ein mittlerer und ein langer Peitscharm. Obwohl er nahezu immer mit dieser stielfreien Peitsche dargestellt wird, wurde er nie als grausam bekannt.« Für einen Augenblick gab sie den Besuchern die Gelegenheit die fünftausend Jahre alten Meißelarbeiten zu bewundern. »Gehen wir jetzt weiter zur zweiten Dynastie.«
Die Frau nahm die meisten Besucher mit in den nächsten Raum. Ein einzelnes, kleines Mädchen blieb zurück und betrachtete die Steintafel. Ein Mann kam um sie zu holen.
»Was machst du hier?«
»Schau mal Papa, ich finde, das sieht nicht aus wie eine Peitsche.«
»Wie sieht es denn dann aus mein Schatz?«, der Vater beugte sich herunter zu seinem Kind.
»Das sieht aus wie die Seile aus meinem Zauberkasten.«

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