Der Veteran – Die Asche Legion Teil III

Der Veteran

Meine Eltern gaben mir den Namen Portius Pius. Meinen zweiten Vornamen wählten sie wegen meines Großvaters, Pius Valorus Cato, zu seinen Zeiten großer General in der Legion und von Kaiser Remolus persönlich für seine Dienste geehrt. Ich war der erste Sohn, und sollte auch ihr Letzter bleiben, da meine Mutter im Kindbett mit meiner Schwester verstarb als ich zwei Jahre alt war.
Die meisten Väter hätten sich eine neue Frau genommen, nicht so der meine. Obwohl er noch jung und bei bester Gesundheit war, hat er sich nie wieder einer Frau zugeneigt. Mit mir hat er nie darüber gesprochen, aber ich glaube, er hatte zu viel Angst davor, wieder zwei geliebte Menschen auf einmal zu verlieren.
Mein Vater, obwohl er mich nie wirklich schlecht behandelt hat, überließ mich fast immer mir selbst und war insgesamt kein sehr gutes Vorbild. Er arbeitete als Grobschmied in Winkelburg, und was er verdiente trug er zu Hinterhofkartenspielen und Schänken.
In Ermangelung einer Mutter wurde ich hauptsächlich von der Straße aufgezogen, habe mich früh viel geprügelt und begann mir einen Namen zu machen. Für jeden der mich zusammenschlug, hab ich zwei verprügelt, und jede blutige Nase, jeder angebrochene Knochen in meinem Körper hat mich nur entschlossener und unbarmherziger gemacht.
Die Jungen auf den Straßen von Winkelburg zollten mir bald Respekt und da es mein Vater nicht für nötig erachtete Schulgeld aufzubringen, hatte ich viel Zeit. Lesen und Schreiben kann ich selbst heute mehr schlecht als recht, dafür weiß ich alles über Erpressung und Raub und Schutzgeld und Brandstiftung. Es war nur eine Frage der Zeit, bis mich die Stadtwache aufgeschnappt hat. Beim ersten Mal, ich war gerade zwölf Sommer alt, hat mich mein Vater noch von der Wache abgeholt. Ich habe keine Ahnung, wie er es geschafft hat das Strafgeld aufzubringen oder welchen abstrusen Handel er mit dem Hauptmann der Wache abgeschlossen hat, aber nach einem kurzen Gespräch zwischen den beiden hinter verschlossener Tür, hat er mich Heim gebracht.
»Portius.«, hat er zu mir gesagt. »Das nächste Mal, muss Dein eigener Arsch die Suppe ausbaden, die Du Dir einbrockst.« Dann hat er mich verprügelt. Er war schwächer als die Hälfte der Rüpel in den Gassen.

Es gab ein nächstes Mal, und mein Vater hielt sein Wort. Verurteilt wurde ich zu vierzig Rohrstockschlägen und einer Woche Strafdienst im Tempel zu Zhemnon, dem Gott der Weisheit. Da war ich noch keine vierzehn Lenze.
Ich wurde vorsichtiger, gerissener. Kleine Waisen, die unter meiner Fuchtel standen, hab ich gebraucht um Geschäfte abzuwickeln und Gelder zu überbringen. Es hat drei volle Jahre gedauert, bis man mich das nächste Mal erwischt hat. Ich werde das Kopfschütteln des Hauptmannes nie vergessen.
»Wir haben alles durchsucht.«, hat er geraunt. »Alles. Und wir sind zu dem Schluss gekommen, dass Du tatsächlich keine Sesterze zur Seite gelegt hast.«, gekichert hat er, sich über meine Situation amüsiert. »Wir wissen wen Deine Bande alles erpresst hat, wo ihr wart und was ihr gemacht habt. Jeder andere kleine Parasit hätte eine Kiste voll Aurunen beiseite geschafft – zugegeben, darauf hatten wir eigentlich gehofft – aber nicht Du. Du scheinst wirklich alles sofort auf den Kopf gehauen zu haben. Bist ein jämmerliches Bild Mann, genau wie Dein Vater. Der kann Dir auch nicht mehr helfen.«
Gewollt hätte ich seine Hilfe ohnehin nicht. Viel tiefer traf mich, dass es mir weder in den Sinn gekommen war etwas zu sparen, noch dass ich mich je wirklich vor den Augen der Wache versteckt hatte. Sie hatten mich gewähren lassen, diese korrupten Schweine, in der Hoffnung meinen Notgroschen unter sich aufteilen zu können.
Man ließ mir die Wahl: Das Brandzeichen des Betrügers im Gesicht und drei Jahre Arbeitslager in den Bergen, oder Ausbildung zum Legionär mit Verpflichtung auf fünfzehn Jahre. Ich dachte an meinen Großvater, den Helden, und wählte das Militär.

Bei der Unterweisung an den Waffen wurde schnell deutlich, dass mein einziger Vorteil aus der Zeit auf der Straße meine Schmerztoleranz war. Bis dahin hatte ich nichts Gefährlicheres als einen Stein in den Händen gehalten, während viele der anderen Rekruten schon mit Holzschwertern und Schilden geübt hatten. Im unbewaffneten Nahkampf, da hätte ich sie alle zum Heulen gebracht, aber mit einem Speer war ich überfordert. Trotzdem lobte man mich, weil ich immer weiter kämpfte, egal wie oft ich getroffen wurde.
Militärschule existierte für mich nicht. Ich wurde nicht zum Offizier und Denker ausgebildet, ich sollte Befehle befolgen, Schlachtreihen halten und das Spitze in das Fleischige rammen, wann immer man es mir befahl.
Die ersten Schlachten ließen nicht lange auf sich warten. Ich kämpfte in der fünften Kohorte gegen die Westbarbaren und später in der sechsten Kohorte gegen das Reich Miazin. Die kleinen Dreckskerle haben mir diese große Narbe hier ins Gesicht gezaubert. Sie nannten mich von da an Portius, der Blutschlächter, weil ich mit einem Gesicht voll Blut weiterkämpfte und noch sieben Feinde niederrang, bevor ich nichts mehr sehen konnte und mich zurückziehen musste.
Heimisch bin ich nirgendwo geworden, immer wieder habe ich mich mit den Decurios angelegt, bin mehr als einmal wegen Befehlsverweigerung gezüchtigt worden und musste insgesamt siebenmal das Zenturion wechseln. Andererseits war ich ein herausragender Kämpfer und meine Kameraden waren glücklich neben mir kämpfen zu dürfen. Die Legion brauchte mich.
Mein Pflichtdienst näherte sich dem Ende, als wir mit der fünften Kohorte zur Schlacht gegen die Aufständischen der Provinz Eos im Westen aufbrachen. Wenige Stunden vor dem Kampf bat mich mein Centurio in sein Kommandozelt.

Der Mann war zweiunddreißig, wie ich, aber sah gut zehn Jahre jünger aus. Mich zierten Narben und sonnenbraune Haut, ihn Orden und goldener Schmuck. Aber wir hatten die gleiche Statur.
»Portius Cato, richtig?«, mit einer Geste bedeutete er mir, mich zu setzen, mit der anderen schickte er seine Offiziere aus dem Zelt. Ich blieb stehen und verschränkte die Arme.
»Hm?«, er sah mir einen Moment fragend in die Augen, seufzte und setzte sich dann auf seinen großen Lehnstuhl.
»Du sollst ein außergewöhnlicher Legionär sein, erzählt man sich.«
Als ich keine Reaktion zeigte, hat er mit den Schultern gezuckt, die Ellenbogen auf dem Tisch aufgestellt und den Kopf in die Hände fallen lassen. Er gab einen gequälten Laut von sich. »Sie sagen auch, Du zeigst keinen Respekt vor Deinen Vorgesetzten.«
»Was willst Du, Centurio?«, sag ich, meine Arme weiterhin verschränkt.
Er sieht auf, seine Augen glasig. »Ich will nicht sterben.«
Zugegeben, das hatte mich kalt erwischt. Ich zog den Stuhl den er mir angeboten hatte zurück und setzte mich. Dann hab ich ihn erwartungsvoll angestarrt.
»Sie nennen Dich den Blutschlächter, weil Du immer weiter kämpfst. Man munkelt, dass du unsterblich bist. Wie viele Schlachten hast Du gesehen?«
Unwissend worauf er hinaus wollte, hab ich nur müde mit der Schulter gezuckt.
»Mein Vater, Brutus Kator Megun, hat mir dieses Schwert vermacht.«
Er hat seine Waffe hervorgeholt und auf den Tisch gelegt. Diese Waffe hier.
»Aber leider noch mehr. Es gibt eine Prophezeiung, einen Fluch wenn Du so willst, der den Träger dieses Schwertes betrifft. Meinen Vater hat er nicht ereilt, weil er bis zu seinem Tod darauf geachtet hat, nie in diese Situation zu kommen. Aber jetzt stehe ich hier, am Morgen einer Schlacht, und alle Zeichen deuten auf meinen Tod.«
Wären wir nicht alleine in seinem Zelt gewesen, ich hätte geglaubt er will mich narren. Aber es schien ihm verflucht ernst.
»Was für Zeichen sollen das sein?«
»Oh, heute früh saßen drei Raben auf der Standarte, sie haben mir alle den Rücken zugewandt. Außerdem ist Frühling, aber der Tag ist viel zu kalt, fast noch winterlich. Und zuletzt haben wir vor unsere eigenen Leute anzugreifen. Ja, es sind Aufständische, aber eigentlich, eigentlich sind es Bürger des Kaiserreiches.«
Zweifel lag in meinem Blick, wogegen seiner voller Furcht war. »Das alles hat Deine Prophezeiung angekündigt?«
»Ja doch, genau das! Der Fluch belastete schon meinen Großvater und später meinen Vater. Aber sie beide schafften es, nie in solch eine prekäre Situation zu kommen. Aber ich konnte den Befehl des Praefectus ja nicht ablehnen, und jetzt steht mir ein schrecklicher Tod bevor, aufgespießt auf drei Speere, gehalten von drei Männern in drei unterschiedlichen Farben.«
Für einen Augenblick hab ich meine Aufmerksamkeit von dem abergläubischen Idioten abgewandt und den Zweihänder betrachtet. Als Legionär bekommst du einen Speer, einen Schild und einen Gladius. Dieses Schwert war eine andere Liga.
»Und jetzt möchtest Du mir das verfluchte Schwert geben, damit ich an Deiner Stelle sterbe?«
»Was?«, er riss die Augen auf und verließ seine Melancholie für einen Moment. »Nein! Niemals würde ich das Schwert meines Vaters einem Bauern geben.«
Bauer hat er gesagt.
»Warum? Stahl ist Stahl, oder?«, hab ich herausfordernd gefragt und nach dem Heft gegriffen. Eilig hat er es weggezogen und das Schwert eine Handbreit aus der Scheide gezogen.
»Nein, Portius, das ist kein gewöhnlicher Stahl. Die Klinge ist auf arkanem Kaltfeuer geschmiedet, durchwoben mit Energien aus der magischen Welt und nahezu unzerstörbar. Und sie ist ein Familienerbstück, ich muss sie tragen.«
»Und was, großer Centurio, soll ich dann für Dich tun?«
»Ich will heute kein Risiko eingehen. Ich kann nicht einfach im Lager bleiben, dass wäre schädlich für die Moral der Truppen. Aber ich bleibe hinten bei den Versorgungstruppen, weit weg vom Feind. Und Dich möchte ich an meiner Seite, als Leibwächter.«
»Hmhm… und was bekomme ich dafür?«
Da hat er mich wütend angesehen. »Was erlaubst Du Dir? Das ist ein Befehl, es ist Deine Pflicht mich zu beschützen, unter Einsatz Deines Lebens, wenn es sein muss!«
Wir haben uns in die Augen gesehen, lange. Sein Blick war gebieterisch, streng und trotzdem voller Angst.
»Nein.«
»Was soll das heißen, nein? Wenn Du nicht tust, was ich sage, wirst Du vors Militärgericht gestellt und ins Gefängnis gesteckt wegen Befehlsverweigerung!«
»Und dann? Dann bist Du schon tot. Wenn Du andere Optionen hättest, wäre ich nicht hier.«
Betreten sah er zu Boden und schluckte hörbar. Ich grinste, denn die Gelegenheit den eitlen Hahn derart aus dem Konzept zu bringen, war Honig und Wein für meine Seele.
Natürlich hatte ich nicht die geringste Sorge irgendwelche Aufständischen, mochten sie noch so zahlreich sein, würden sich bis zum Centurio durchschlagen und in bunten Kleidern Speere nach ihm werfen. Abergläubischer Unsinn. Kostenlos wollte ich dennoch nicht neben ihm stehen.
»In Ordnung. Ich werde Dir einen Jahressold auszahlen lassen.«
Ohne Umschweife hielt ich drei Finger empor.
»Drei?«, der Centurio sprang auf und hieb mit den Fäusten auf den Tisch. »Dreimal den Sold eines ganzen Jahres, bist Du verrückt?«
Kurz spielte ich mit dem Gedanken einen vierten Finger zu heben, beließ es aber dann bei einem siegesgewissen Lächeln.
»In Ordnung, wenn ich den morgigen Tag erlebe, bekommst Du drei Jahre als Belohnung. Wann endet Dein Dienst?«
Da musste ich lachen. »Keine sechs Monate, dann bin ich raus.«
»Dann ist das vielleicht eine faire Abfindung für den unzerstörbaren Legionär…«

Wie geplant zogen wir aus zur Schlacht und ich blieb beim Centurio in der Nachhut. Meinen Decurio hat es vermutlich nicht gefreut, dass ich ihm zwar das ganze Jahr auf die Nerven gefallen bin, aber dann ausgerechnet im Kampf fern bleibe. Befehl ist eben Befehl.
Immer wieder kamen Boten mit Nachrichten von den anderen Zenturien, vom Optio und berichteten von der Schlacht, die erwartungsgemäß gut verlief, auch wenn die Bewegungen des Feindes schlecht vorherzusagen waren. Wir standen uns die Beine in den Bauch und warteten, gelegentlich wurde ein Trupp mit Pfeilen und Speeren zu einer der Abteilungen ausgesandt, aber darüber hinaus passierte erstmal nichts.
Dann kamen die Plänkler.
Es war ein kleiner Verband der Aufständischen, der sich in einem weiten Bogen um unsere Streitkräfte herum bewegt haben muss um unsere Versorgung zu kappen und den Zenturien in den Rücken zu fallen. Wir hatten Posten an einem Hügel bezogen, eigentlich mit gutem Überblick, aber der Feind hat sein Wissen über das Land genutzt und sich bis auf zweihundert Schritt genähert. Dumm gelaufen für unseren Versorgungstrupp, denn außer mir war kein brauchbarer Kämpfer anwesend.
»Schütz mich, Portius, beschütze mich!«, schrie der verzweifelte Centurio. Ich postierte mich zwischen ihn und die nahenden Feinde, während sich unsere Männer gegen die Übermacht in Stellung brachten.
Die Aufständischen hatten unsere Leute schnell in einer Zangenbewegung im Griff und eröffneten das Feuer aus Armbrüsten in meine Richtung. Ich zog den Schild hoch und suchte dahinter Deckung. Zu meiner großen Überraschung durchschlugen zwei Bolzen den Schild, einer bohrte sich in meinen linken Unterarm. Da wusste ich, dass etwas nicht stimmte – woher hatten sie solche Waffen. Es hieß wir ziehen gegen kleine Rebellen, abtrünnige Splittergruppen und Milizionäre ins Feld. Diese Söldner hatten einen Weg hinter unsere Reihen gefunden und einen Centurio in die Enge getrieben, von dessen Position sie nichts hätten wissen dürfen.
War es die beste Entscheidung? Vermutlich nicht, aber als die zweite Salve Bolzen auf uns zuflog, drehte ich mich weg anstatt den Schild zu heben und nutzte die Drehung um nach der Waffe des Centurio zu greifen.
Hätte ich es auch getan, wenn ich gewusst hätte, dass der Idiot nicht in Deckung gegangen war? Kaum. So zog ich den Zweihänder aus der Scheide, während sein Gesicht eine verwirrt verängstigte Fratze wurde, die auf einen Bolzen in seiner Brust herab sah.
Ohne über sein Schicksal zu grübeln stürmte ich vor und überwand die dreißig Schritt in wenigen Herzschlägen. Neun Angreifer stellten sich mir entgegen, den Ersten fällte ich mit meinem ersten Hieb. Dieser Zweihänder durchschlug seine Rüstung wie morsches Holz.
Der Schock fuhr den verbliebenen acht in die Glieder, sie zögerten lange genug um mir Gelegenheit für zwei Kombinationen zu bieten. Bis zu diesem Moment hatte ich nie ein zweihändiges Schwert geführt, aber es kam mir von Beginn an ganz natürlich vor. Als leitete die Klinge meine Hände und nicht anders herum. Schritt, Aufwärtshieb, Schritt, Seitwärtsschlag, Schritt, Abwärtshieb. Verzweifelt versuchte mein letztes Ziel meinen Schlag zu parieren, aber die Wucht des Schwertes trieb ihm seine eigene Klinge in Arm während sich die meine in seinen Hals bohrte.
Fünf Gegner waren noch kampffähig und inzwischen auch dazu bereit. Sie gingen auf Abstand und versuchten einen Kreis zu formieren. Einer von ihnen hatte noch eine geladene Armbrust. Er war mein nächstes Ziel.
Panisch riss er die Armbrust hoch als er mein Schwert auf sich zukommen sah. Der Streich schnitt ihm den halben Schädel vom Hals, aber sein Bolzen bohrte sich dafür in meine Rüstung am Unterbauch.
Als ich mich herumwarf und die vier Männer taxierte war ihre Furcht förmlich greifbar. »Wer will als letzter?« knurrte ich und gab einen Kampfschrei von mir als ich auf den nächsten losging. Dem ersten Hieb konnte er ausweichen, der zweite trennte seine linke Schulter vom Torso und er ging zu Boden. Die anderen Drei waren ihm nicht zu Hilfe geeilt – sie ergriffen die Flucht. Sie hatten einigen Vorsprung, eingeholt hätte ich sie niemals, also entschied ich mich dazu, den Zweihänger zu werfen. Kam mir zu der Zeit wie eine gute Idee vor.

Tatsächlich erwischte ich einen der Aufständischen mit dem Schwer an der Wade und brachte ihn zum Straucheln. Ich rannte hinterher, stürzte mich auf den Humpelnden und drückte ihn mühelos herunter.
Die schmutzigen Details meiner Befragung lasse ich mal aus, Kernpunkt war, dass er mir davon erzählte, dass die einige Optios und Decurios vom Fürstentum Brendranon gekauft worden waren, von welchem sie auch die besseren Armbrüste und die Schlachtaufstellung erhalten hatten. Die Brendranen wollten Eos zur Unabhängigkeit verhelfen und hatten große Heere in Bereitschaft stehen. Die verwirrenden Bewegungen der Aufständischen sollten die Schlachtformationen der Legion durcheinander bringen. Wo genau die Brendranen warteten, wie viele Männer sie hatten oder welche Optios genau gekauft worden waren, wusste er nicht. Aber selbst ich konnte zwei und zwei zusammenzählen um auf den Optio unseres Zenturions zukommen. Ich belohnte den verletzten Mann mit einem schnellen Tod.
Das Schicksal hat mich an dem Tag erneut vor eine bittere Wahl gestellt. Was hättest Du an meiner Stelle getan? Einem einfachen Legionär hätten sie kaum zugehört, wenn ich die Legion warnen wollte. Also hab ich mir Helm, Mantel und Insignien des toten Centurios angezogen, den Zweihänder umgeschnallt und bin damit zur Front aufgebrochen. Ich war ein lausiger Reiter, aber irgendwie bin ich zu meinen Männern gelangt. In der Hitze des Gefechtes hat keiner auf die verräterischen Zeichen geachtet. Das Blut das durch meine Rüstung drang, die abgewetzten Caligae an meinen Füßen und nicht zuletzt meine sonnenbraune Haut. So kam ich problemlos zum Optio vor und Köpfte den Mann ohne Vorankündigung.
»Er ist ein Verräter.«, hab ich gebrüllt. »Die Brendranen versuchen uns eine Falle zu stellen.«
Ich entsandte Männer um die anderen Verbände zu warnen und stürzte mich an der Seite der anderen Legionäre in den Kampf. Ohne Führungserfahrung konnte ich nur darauf vertrauen, dass die Centurios wissen würden, was zu tun ist.
Ich weiß nicht, wie viele Männer ich an dem Tag noch erschlug. Unzählige ist eine gute Näherung. Als der Feind besiegt und die Schlacht vorüber war, bin ich zu den anderen Centurios und hab mich zu erkennen gegeben.
Und was passiert mit einem Legionär, der sich für einen Offizier ausgibt?
Vierteilen.

Das Militärgericht, vor dem ich verurteilt werden sollte, wurde nur drei Zehntage später abgehalten. Ich habe alles wahrheitsgemäß wiedergegeben, bis auf eine Sache. Ich habe behauptet, der sterbende Centurio hätte noch zu mir gesagt »Nimm das Schwert und warne die anderen.«
Die Ansichten müssen gespalten gewesen sein, denn die Richter haben erst kein Urteil fällen können. Man zweifelte an meinen Worten, wollte aber auch nicht riskieren den Mann zu töten, der die Schlacht zum Guten gewendet hatte, falls er doch nicht lügt. Nach zwei Tagen fruchtloser Verhandlung, haben sie ein Orakel kommen lassen. Eine weise alte Frau mit einem Mal des Feuers über ihrer linken Gesichtshälfte. Ihre linke Hand hat sie auf meine Stirn, die Rechte auf meine Brust gelegt und ist in Trance gefallen. Nach einer Ewigkeit, immerhin lag mein Leben in ihren Händen, kam sie endlich zu sich und rief »Schneidet den Mann los, er spricht die Wahrheit!«
Ohne Strafe kam ich trotzdem nicht weg. Sie schonten mein Leben, aber verurteilten mich zu weiteren fünfundzwanzig Jahren Dienst an der Waffe. »Aber…«, hab ich da zu ihnen gesagt, »Gewährt ihr mir wenigstens den Wunsch, das Schwert meines Centurios zu tragen, auf das der Fluch mich treffe, wenn es soweit ist, und ich ihn so von seiner Familie abhalten kann.«
Fluch. Familie. War mir alles egal. Ich hätte ihnen auch versprochen zum Mond zu fliegen und dort Diamanten zu sammeln, solange ich das Schwert behalten durfte. Ich weiß nicht ob sie von den Worten des Orakels vernebelt oder von meinem rührseligen Wunsch tatsächlich beeindruckt waren, aber wie Du siehst, sie haben mir die Klinge überlassen.

Dreiundzwanzig lange Jahre voller Scharmützel und Schlachten und Feldzüge und Kriege später, kam dieser Mann dort zu mir. Eine besondere Einheit aus beeindruckenden Kämpfern wolle er zusammenstellen und so viel habe er von meinem Können gehört. Tja, ich war ein alter Mann, fast sechzig und weit mehr als die Hälfte meiner Zeit hatte ich in den Farben der kaiserlichen Legion verbracht. Es klang, als könnte er mir endlich einen guten, schnellen Tod bringen, im Kampf gegen einen würdigen Feind. Ich warte heute noch darauf.

Ein Kommentar

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.