Der Magier – Die Asche Legion Teil IV

Der Magier

Sicher, sicher, des alten Bastards verzaubertes Schwert beflügelt Deine Neugier, junger Sänger, aber jetzt ist es meine Zeit, Dich zu verblüffen.
Meine Geschichte beginnt weit von hier, an der Grenze zu den trostlosen Eiswüsten, wo es meiner Mutter gefiel, mich auf den Namen Baltazar zu weihen. Mein Vater, Mathor Galmerion, war ein mäßig begabter, wandernder Schausteller und Quacksalber, der mich meiner Mutter auf seiner Reise durch unser kleines Dorf als Geschenk hinterließ. Sie sah das natürlich anders, und die ersten zwanzig Jahre meines Lebens wartete ich auf die Rückkehr des großen Heilers und Zauberkundigen der mein Erzeuger gewesen sein sollte. Obschon keine formale Hochzeit vollzogen worden war, hielt sich meine Mutter für seine Ehefrau, trug seinen Namen und gab ihn auch an mich weiter.

Dies Dorf an der Grenze zwischen Nichts und Schnee hatte freilich wenig zu bieten. Ich zeigte früh eine magische Begabung, ganz intuitiv, und hätte gerne mehr daraus gemacht, konnte aber meine Mutter nicht alleine zurücklassen. Dachdecker hab ich gelernt und einige Jahre als Geselle im Dorf und der näheren Umgebung gearbeitet, bevor meine Mutter schließlich an einer gewöhnlichen Entzündung der Atemwege verstarb. Bereits damals verspürte ich eine gewisse Wut auf meinen Erzeuger, schließlich hätte er sie, so dachte ich, mit seinen medizinischen Künsten problemlos geheilt. Es stand mein einundzwanzigster Jahrestag bevor, und ich beschloss meinen Vater zu suchen und ihm die vielen quälenden Fragen zu stellen, die mich so lange beschäftigt hatten.

Kurz entschlossen verkaufte ich das wenige, was meine Mutter hinterlassen hatte und begab mich auf verspätete Gesellenreise. Es dauerte nicht lange, bis ich Wort vom fahrenden Schausteller bekam, der mein Vater gewesen war, doch hinterließ er keine Spuren seiner Pläne. So begab es sich, dass ich mal in einem Dorf ankam, wo er nur Wochen zuvor gewesen war, und anderes Mal war sein letzter Besuch Jahre her. Monatelang wanderte ich durch die nördlichen Teile des Kaiserreiches, die Provinz Lindwern muss ich fast vollständig erkundet haben, doch bekam ich Mathor nicht zu fassen. Erst als ich in die Stadt Ganomak einkehrte, seinerzeit ein blühendes Handelszentrum und Bauplatz für den Winterpalast des damaligen Kaisers Ganom den Zweiten, bekam ich einen handfesten Hinweis. Mathor Galmerion sei jedes Jahr in den drei kältesten Wintermonaten in Ganomak und habe hier sogar eine Wohnung. Es war Sommer, oder zumindest das, was sie in der Gegend von Ganomak Sommer nannten, und so verdingte ich mir die Zeit mit allerlei Dachdeckerarbeit für weitere vier Monate.

Man könnte meinen, ich hätte meine Zeit vertrödelt, doch ergaben sich verschiedene Kontakte aus dieser Zeit, die sich mir später, bald hier, bald dort, als nützlich erwiesen. Interessant für meine Geschichte ist vor allem meine Bekanntschaft mit Pearmon Jata’ul, einem Händler aus dem Miazinreich, bei dessen Kontorneubau ich als Dachdecker angestellt wurde. Politisch waren zwar zu dieser Zeit bereits Spannungen zwischen dem Kaiserreich und Miazin allgegenwärtig, doch die Schieber und Tandler interessierte das wenig, vor allem wenn sie wie Pearmon mit ohnehin illegalen Waren handelten. Opiate Pflanzen, Bewusstseinserweiterer, das war sein Geschäft. Wir pflegten ein wenig Umgang, auch ließ ich mich ein oder zwei Mal mit etwas von seinen Stoffen ein, aber die grauenvollen Auswirkungen, die diese Mittel auf Süchtige hatten, schreckten mich schnell ab. Wirklich wichtig sollte Pearmon erst viel später für mich werden.

Im Winter dann kam Mathor in die Stadt und ich wollte ihn zur Rechenschaft ziehen. Sein schäbiges altes Fuhrwerk mit den verblichenen Teppichen an den Seiten, fand sich endlich vor einer heruntergekommenen Kate im Westteil der Stadt. Mein Herz pochte als ich gleiches an seiner Pforte tat.
Mir öffnete ein alter Mann in zerschlissener Kleidung. »Sagt Batalus ich habe sein Geld.«
Verständnislos hab ich den Greis angesehen. »Ich bin wegen keines Geldes hier. Ich suche Mathor Galmerion.«
Er zog verwundert eine Braue hoch. »So? Was wollt Ihr von ihm, Herr?«
»Ist Mathor Galmerion hier oder ist er es nicht?«, sprach ich.
»Sagen wir ich wäre es, was hättet Ihr für mich? Prügel?«
Ich konnte sehen, wie sich sein linker Arm zu etwas bewegte, was sich noch hinter der Tür verbarg und wähnte eine Waffe, wäre ich ein Angreifer gewesen.
»Nein, alter Mann, ich suche Mathor Galmerion, weil er mein Vater ist.«
Erst da musterte er mich wirklich. Überrascht huschten seine Augen über meine Statur und taxierten meine Gesichtszüge.
»Tatsächlich, Du bist mein Sohn…«, entfuhr es ihm schließlich.
Im ersten Augenblick war ich sehr verwundert, denn der Mann vor mir musste bereits zu meiner Geburt alt gewesen sein und sah mir nicht unbedingt ähnlich. Wie meine junge Mutter ihm hätte verfallen können, war mir ein Rätsel.
»Du bist… alt?«, hab ich gesagt.
»Oh, diese Verkleidung. Komm rein, komm rein.«
Ich ging an ihm vorbei in den dunklen Raum und er schloss die Tür hinter mir. Als ich mich ihm wieder zuwandte, blickte ich in mein Spiegelbild, um dreißig Jahre gealtert.
»Wie hast Du das gemacht?«
»Ah, mein Junge, Zauberei. Eine einfache List um lästige Besucher los zu werden. Lass mich Dich ansehen. Gut siehst Du aus, kräftig. Wo kommst Du her?«
Man muss verstehen, ich war tatsächlich noch jung. Gerad’ zweiundzwanzig Lenze. Und diese unerwartete Situation machte es mir schwer, an meinem eigentlichen Plan fest zu halten.
»Ich… wir haben Dich gewartet, Mutter und ich, in Frostforst an der Nordgrenze. Du bist nicht wieder gekommen.«
»Frostforst… Frostforst… wie heißt Deine Mutter und wie sieht sie aus, Sohn?«
Langsam stieg die Wut in mir wieder an. »Ihr Name war Narzissa Galmerion, geboren als Narzissa Jungblut. Sie war wunderschön. Sie hatte schwarzes Haar und graue Augen und ein Muttermal auf der linken Wange genau hier.«, ich musste Luft holen, während ich mit meinem Finger in mein Gesicht deutete. »Sie ist tot und das ist Deine Schuld!«
»Meine Schuld? Wieso? Ich war seit über zwanzig Jahren nicht an der Nordgrenze, warum sollte ich ihren Tod verschuldet haben?«
»Du Nichtsnutz! Genau Dein Fernbleiben, dass Du niemals zurückgekommen bist, ist der Grund. Wir hätten Dich gebraucht, sie hätte Dich gebraucht. Ein Medicus wie Du hätte ihr Leben retten können.«
»Medicus? Nein, mein Sohn, ich kann ein paar Kräuter kombinieren und Dir eine Schmerzsalbe bereiten, aber ein Heiler bin ich keineswegs. Ich bin fahrender Zauberkünstler, Unterhalter, und noch bei keiner der Frauen sesshaft geworden, die vielleicht oder vielleicht auch nicht ein Kind von mir geschenkt bekommen haben. Nicht mein Stil.«
Es stieß mich schwerer vor den Kopf als ich je geahnt hätte. »Also bist Du ein Magier?«
»Wenn Du damit meinst, dass ich Zaubern kann, dann ja. Eine formale Akademie besucht habe ich nie, alles selbst erlernt. Genug von mir, was ist mit Dir? Siehst stattlich aus, bist Du ein Handwerker?«
Ich war enttäuscht und ließ es ihn wissen. »Du bist eine Schande und es zerreißt mich, dass Du mein Erzeuger gewesen sein sollst. Aber ich werde der Mann werden, für den ich Dich all die Jahre gehalten habe.«
Und damit verließ ich ihn. Ich hatte ein klares Ziel, und meine Motivation war die Enttäuschung.

Geld war meine Sorge nicht, ich hatte gut zu tun gehabt und einiges gespart. Das Problem war, dass Magierakademien zu der Zeit, vermutlich auch heute noch, nur Kinder oder bestenfalls Jugendlich aufnahmen, wenn sie Talent sahen. In meinem Alter konnte ich im Kaiserreich auf keine Ausbildung hoffen. Ich erfuhr von einer Schule, einem Ort tief im Miazinreich, kurz vor den großen Elfenwäldern, in dem Alter keine Rolle spielte, wenn man zu zahlen bereit war. Einige meiner Beziehungen nutzend, ließ ich mich über die Grenze schleusen und kam schließlich zwei Monate später an besagter Schule an. Die Onmyondo ko Edukio, frei übersetzt etwas Schule der Weisheit, sollte die nächsten drei Jahre mein Zuhause sein. Das Talent war da, mein Ehrgeiz ebenso, trotzdem war es ein Auf und Ab. Nach jedem Erfolg wurden meine Leistungen schwächer, nur um dann unverhofft in einen noch größeren Erfolg zu münden. Die notwendigen Prüfungen für die Stufe des Novizen vermasselte ich nach dem ersten Jahr, sechs Monate später konnte ich die Nachprüfung nicht nur problemlos bestehen, sondern erbrachte eine der besten Leistungen die jemals an der Schule erreicht wurden. Nach drei Jahren gelang mir die Prüfung zum Adepten, etwas, das andere ähnlich talentierte Schüler oft schon nach zwei Jahren erreichten, und meine Mittel waren erschöpft. Die Meister schoben es meinem Alter zu, aber ich kannte Mitschüler vergleichbar betagt, die weit schneller Fortschritte gemacht hatten. Von meinem Ziel war ich weit entfernt, aber als Adept zumindest in der Lage meine Studien an anderen Orten weiter zu führen. Ich verließ die Schule und zog erst nach Süden in die Republik von Karnak, wo ich einerseits eine gute Bibliothek vorfand, andererseits jedoch Schwierigkeiten hatte eine Anstellung zu finden. Ich hielt mich mehr schlecht als recht mit Tagelöhnertätigkeiten über Wasser, bis ich nach zwei Monaten unvermittelt Pearmon Jata’ul auf einem Wochenmarkt wieder traf.

»Kennen wir uns nicht?«, hat er gesagt, saß hinter einem kleinen Stand mit Kräutern.
»Doch, doch…«, hab ich geantwortet. »Ich habe Dein Dach in Ganomak gemacht vor vier Jahren fast.«
»Ja, natürlich, Baltazar. Was treibt Dich in diese gottverlassene Republik am Rande von Nirgendwo?«
»Gleiches könnte ich Dich fragen. Ich habe im Miazinreich Magie studiert und führe meine Studien an der Bibliothek von Ithik fort. Und Du, keine Geschäfte mehr im Kaiserreich?«
»So ein waschechter Krieg vermasselt einem da wirklich die Laune. Strafzölle sollte ich bezahlen, weil ich kein Bürger des Kaiserreiches bin. Jetzt handele ich eben mit Karnak. Siehst irgendwie hungrig aus, kriegst wohl nicht genug zu futtern, hm?«
Ich hab ihm meine Situation geschildert. Er hat sich alles ruhig angehört, zwischendurch genickt und schließlich ist er aufgestanden.
»Wir beide werden einander hervorragende Hilfe leisten.«, hat er gesagt und breit gegrinst.

Es stellte sich heraus, dass einige seiner besten Rauschmittel aus den Elfenwäldern kamen. Man hatte ihn bereits mit illegalen Substanzen an der Grenze erwischt und er war im Reich der Elfen nicht länger toleriert. Auf der anderen Seite hatten die Elfen ein tiefes Verständnis für die Wege der Magie und es existierte eine Schule in ihrer Hauptstadt, die auch für ausgewiesene Magier anderer Spezies zugelassen war. Brachte ich ihm seine Drogen von seinem Hehler in den Wäldern, würde er mich ausreichend bezahlen um die Schule zu besuchen.
Es klingt vielleicht wie eine leichte Entscheidung, aber ich tat mich schwer damit, seinen Kurier zu spielen. Weniger wegen der Gesetze, vor allem wegen dem Schaden, den seine Waren anrichteten. Ich habe lange mit mir gehadert, musste mir einreden, dass jeder seiner Kunden selbst wissen müsste was er tat, und habe seinem Plan dann tatsächlich eingewilligt.
Pearmon war gerissen. Als ich das erste Mal aus dem Waldreich zurückkehrte, bezahlte er mir gerade genug um mich für drei Monate an der Schule der Elfen einzuschreiben. Dann war ich gezwungen eine weitere Lieferung über die Grenze zu bringen.

Die nächsten vier Jahre sollten auf diese Weise ins Land gehen. Meine Fähigkeiten verbesserten sich schnell, gleichzeitig waren die Selbstzweifel alle paar Monate geradeheraus erdrückend. Besonders schlimm wurde es, als ich nach knapp zwei Jahren Mera kennen lernte. Mera kam aus einem betuchten Hause des Miazinreiches. Sie war im Elfenreich um Kräuter zu studieren, wollte eigentlich nur zwei Monate verweilen, aber wir verliebten uns und sie blieb mit mir. Zu stolz um etwas von ihr anzunehmen, stahl ich mich jetzt alle paar Monate für eine zwei wöchige Reise aus unserem gemeinsamen Haus. Schmuggelte Drogen über die Grenze, nur um meine Sucht nach Wissen zu befriedigen.
Meine Mera war eine Perle. Zu unserem ersten Hochzeitstag hat sie mir dieses Buch hier geschenkt, ein wirklich kostspieliges Artefakt, und ihre Anwesenheit beflügelte mein Studium. Ich machte sagenhafte Fortschritte, und stand nach vier Jahren nicht weit entfernt vor meinem Meistergrad.
Hierbei muss man allerdings etwas verstehen. Die Elfen haben eine völlig andere Sicht auf das Nutzen arkaner Quellen, als es die anderen Völker haben. Ihr Verständnis dringt viel tiefer als es im Miazinreich der Fall war, aber sie nutzen die Magie für praktisch nichts. Aus der Sicht der Elfen sind die arkanen Ströme ein kostbares Gut, dass zu gefährlich ist, selbst für einen Meister, um leichtfertig genutzt zu werden. Man kann also sagen, ich war theoretisch bereits ein besserer Magier als jeder Meister an der Onmyondo, hatte aber praktisch keine Erfahrung. Ein zweischneidiges Schwert. Aber zum Abschluss bin ich ohnehin nicht gekommen.

Wie gesagt, vier Jahre, zwei davon mit Mera. Wir hatten einen Sohn, Pasat, und mein Lebensmittelpunkt war das Elfenreich geworden. Wir hatten Freunde, wir hatten einen Hausstand, wir hatten ein Zuhause.
Ich glaube es war meine fünfzehnte Lieferung, ein kleines Päckchen, wie immer sicher verstaut tief in meinem Reiserucksack. An der Grenze gab es gelegentlich Kontrollen bei großen Fuhrwerken oder Karawanen, aber nie bei einzelnen Wanderern. Was ich nicht wusste: Der steigende Anteil illegalen Handels hatte zu einer neuen Maßnahme geführt – Hunde. Als ich an diesem Tag über die Grenze marschierte, freundlich die Wachsoldaten grüßte, kam plötzlich so ein Vieh auf mich zu, knurrte, und schnappte nach meinem Rucksack.
Den Rest kann man sich vorstellen. Man zerrte mich vor Gericht in Karnak, verurteilte mich zu sechs Monaten Zwangslager und anschließendem Exil. Einreiseverbot für die Republik Karnak und die Elfenwälder auf Lebenszeit.
Natürlich war das für mich keine Option. Bei der ersten Gelegenheit nutzte ich meine magischen Fähigkeiten um zu türmen, die Grenzen heimlich zu überwinden und zu meiner Familie zu gelangen. Etwa fünf Wochen waren seit meinem Aufbruch vergangen und zu meinem Entsetzen fand ich unser Haus verwaist vor. Schnell wurde mir klar, dass Mera in ihre Heimat zurückgekehrt sein musste. Ich packte das Buch, das einzige was ich aus dem Wald der Elfen mitnahm, und stahl mich ebenso unerkannt aus den Elfenwäldern hinaus wie ich herein gekommen war, in das Miazinreich und zu ihrem Elternhaus. Ihre Wiedersehensfreude war… gedämpft.

»Ist Dir eigentlich auch nur im Entferntesten klar, was Du uns angetan hast?«, hat sie geschrien.
»Es tut mir leid, ich war dumm und brauchte das Geld um unser Leben zu finanzieren«
»Unser Leben?«, hat sie gefaucht. »Du musst von Sinnen sein! Wie soll ich einem Mann vertrauen, der mich von Anbeginn an nur belogen hat? Wir haben kein Leben, Du bist raus. Mein Leben und das meines Sohnes nehme ich selbst in die Hand.«
Dann hat sie die Türe zugeschlagen. Alle Versuche, und ich brachte mehr als acht Monate damit zu, ihr näher zu kommen, sie um Verzeihung zu bitten, scheiterten. Irgendwann musste ich einsehen, dass ich es verbockt hatte und mein Sohn, genau wie ich, ohne Vater aufwachsen würde. Danach war ich ein gebrochener Mann, enttäuscht von mir selbst, enttäuscht bis zum Äußersten. Die Kriege zwischen Kaiserreich und Miazin waren einstweilen vorbei, und in Ermangelung anderer Möglichkeiten, ließ ich das Land hinter mir und wand mich gen Heimat.

Ich war allein und gedanklich kurz davor meinem trostlosen Leben ein Ende zu setzen, als es zu einer folgenschweren Begegnung kam.
Es war im Osten des Kaiserreiches, in der kleinen Provinz Zernoblatt, wo ich ein Fuhrwerk im Straßengraben stehen sah. Auf den ersten Blick ein Unfall, aber als ich näher kam, hörte ich Hilfeschreie.

»Nein, lasst uns, Hilfe! Nein!«, jämmerliche Schreie einer Frau, eine Zweite hörte ich weinen.
Ich beschleunigte meine Schritte und sah hinter dem Wagen eine Gruppe Männer, zwischen ihnen lagen zwei Frauen.
»Hey!«, hab ich gebrüllt. Mein Leben war mir in dem Moment egal. Dann sah ich den erschlagenen Mann der vom Kutschbock hing und das bösartige Funkeln in den Augen der Männer. Ein Überfall.
Es dauerte etwas, bis sie mich als Bedrohung einstuften und mit erhobenen Messern und Keulen auf mich zukamen. Sechs Männer. Drei weitere wollten sich weiterhin über die Frauen hermachen. Ich zögerte nicht lang, die Situation war zu eindeutig, und bündelte meine arkane Energie.
Zunächst ließ ich die Köpfe der vordersten zwei Banditen implodieren. Sie fielen einfach in sich zusammen, ihre leblosen Körper wie Säcke auf den Erdboden. Die Vorstellung beeindruckte die anderen sofort. »Hexer!«, haben sie gerufen.
Als Nächstes sandte ich eine Kraftwelle auf die beiden Angreifer zu meiner Linken, die sie von den Füßen riss und eine weitere gegen die beiden Rechten, was sie gegen den Wagen schleuderte. Die drei Kerle bei den Frauen ließen von ihrem Tun ab und zogen Waffen, waren jedoch weit weniger deutlich in ihren weiteren Absichten. Sie nahmen Abwehrhaltungen ein, im irrigen Glauben Holz und Stahl könnten sie vor mir beschützen.
Ich fackelte nicht lang. Während sich die vier Niedergestreckten stöhnend aufzurappeln begannen, trat ich näher heran, nahm den Dolch eines der geköpften Wegelagerer und schleuderte ihn einem der Männer bei den Frauen entgegen. Instinktiv wollte er seine Arme zur Abwehr erheben, doch mit einem kräftigen Schließen meiner Faust ließ ich ihn erstarren. Der Dolch bohrte sich in seinen Körper und als ich die Versteinerung löste, fiel auch er zu Boden.
Jetzt wollten die zwei anderen türmen. Endlich. Gleichwohl, noch wollte ich sie nicht entlassen.
Ich ließ die Erde vor ihren Füßen eine kurze Welle machen, beide flogen in hohem Bogen durch die Luft. Einer machte mir die Freude, sich sein Kurzschwert bei der Landung in den Bauch zu rammen. Ein Problem weniger. Den anderen zerrte ich mit einer Geste an seinen Haaren zurück, schleifte ihn durch Kies und Schotter, und ließ ihn erst vor meinen Füßen zum Stehen kommen.
Natürlich waren indes die vier anderen Banditen, die ich eingangs nur umgestoßen hatte, auf die Füße gekommen und im Begriff zu fliehen. Erneut nutzte ich die magischen Ressourcen, breitete meine Arme aus und zog sie ruckartig heran. Alle vier landeten auf einem Haufen direkt vor mir, auf ihrem Kumpan.
Es muss eine Kombination aus Wut auf mich selbst, Enttäuschung über mein verpfuschtes Leben und Hass auf diese Mörder gewesen sein, die mich an diesem Tag weit über die Grenzen meiner Fähigkeiten hinaus hat streben lassen.
Ich bündelte die Kraft die mir zur Verfügung stand und ließ alle fünf noch lebenden Banditen in Flammen aufgehen. Die Feuersäule stob mehrere Schritt empor, die Männer brüllten vor Pein und ich hinderte sie magisch an der Flucht aus dem Feuer. Es dauerte wenige Augenblicke, da war nur Asche von ihnen übrig.

Es stellte sich schnell heraus, dass dort nicht zwei Frauen, sondern eine Mutter und ihre kaum dreizehnjährige Tochter gelegen hatten. Ihren Vater hatten die Wegelagerer erschlagen. Ich half ihnen den Leichnam einzuwickeln, ihre Blessuren zu versorgen, den Wagen zu reparieren und ihren Weg zur nächsten Stadt, Deisburg war das, fortzusetzen.
Wir gingen gemeinsam zu der zuständigen Präfektur, meldeten den Vorfall und erzählten ausführlich was geschehen war. Nicht lange danach stand ich wegen neunfachen Mordes vor Gericht, die flehenden Aussagen der Frau und des Mädchens blieben ungehört. Ich wurde zum Tod am Galgen verurteilt und harrte in einer Zelle ohne Aussicht auf Rettung. Es muss kurz nach meinem dreißigsten Geburtstag gewesen sein.

Nur die Götter wissen über welche verschlungenen Pfade Lucius von der Geschichte erfahren hat, aber zu meinem Glück hat er es. Und mich daraufhin besucht. Er fand einen niedergeschmetterten Mann ohne jedweden Sinn im Leben und gab ihm einen. Dass ich mich der kaiserlichen Armee anschließen würde, und sei es auch in einer solchen Spezialeinheit, hätte ich niemals erwartet. Lucius hat es sogar geschafft mir mein kostbares Buch hier wieder zu beschaffen. Es ist das einzige, was mich an Mera und Pasat erinnert.

Wiedergesehen habe ich keinen von ihnen. Ich habe gehört, Pasat soll eine große Familie gegründet haben. Aber noch heute schmerzt es daran zu denken, zeigt es doch zu welch großer Enttäuschung zu hohe Ziele und zu großer Stolz führen können.

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