Nachthauch – Die Asche Legion Teil VI

Nachthauch

Genau wie Atreus ist meine Geschichte wenig ruhmreich. Geboren und Aufgewachsen bin ich in Winkelburg, damals noch die zweitgrößte Stadt im Kaiserreich. Bevor man mich zum Attentäter machte, wuchs ich als unbescholtener Sohn eines Gewürzhändlers auf. Ich war der älteste Sohn, hatte einen Bruder und eine Schwester, und meine Mutter verdiente als Schneiderin etwas nebenbei. Wir waren eine Vorzeigefamilie.

Die Lage begann sich für mich zu ändern, als ich im Alter von dreizehn Jahren begriff, dass mein Vater Schutzgeld an eine Gruppierung zahlen musste, die sich ›Blauer Rabe‹ nannte. Es wurde mir unschön bewusst gemacht, als einer der Schergen dieser Bande vor den Augen meines Vaters meinen linken kleinen Finger mit einem Hammer zertrümmerte.

In den folgenden Monaten habe ich meinen Vater vergeblich bedrängt, warum wir nicht fortziehen oder ob uns die Stadt, die Wache oder sonst niemand helfen könnte. Als Junge machte ich mir noch keine Vorstellung davon, wie lang der Arm solcher Halsabschneider ist. Wir blieben, und ich war nun stets in Angst, mein Vater könnte erneut eine Zahlung versäumen. Vor allem sorgte ich mich um meine kleinen Geschwister. Zu Recht, wie sich später herausstellen sollte.

Im Alter von sechszehn Jahren schloss ich die Handelsschule mit mäßigen Noten ab. Ich sollte in das Geschäft meines Vaters einsteigen, natürlich, und war trotz der blauen Raben dazu bereit. Am Tag der Urkundenvergabe schien zunächst alles normal zu sein. In Winkelburg wurden derlei vergaben damals zelebriert, es gab eine Rede und eine Bühne und besondere Belohnungen für herausragende Leistungen. Meine Familie saß im Zuschauerraum, klatschte, freute sich mit mir über den bestandenen Schulabschluss. Keine Selbstverständlichkeit zu meiner Zeit. Wir gingen nach der kleinen Feier fröhlich nach Hause, nur um selbiges und den Laden meines Vaters in Trümmern vorzufinden.
An der Tür, die nur noch schief in der Angel hing, prangte ein Zettel: »Morjen isd das Geld ba!«

Meine Geschwister waren verwirrt und verängstigt, meine Mutter aufgelöst und mein Vater katatonisch. Ich hab ihn am Kragen gepackt und geschüttelt. »Warum hast Du nicht bezahlt, Vater?«, hab ich gebrüllt. »Wo ist das Geld?«
Verständnislos hat er mich angesehen. Von schlechten Verkäufen und miesen Zeiten gebrabbelt und dabei verwirrter ausgesehen als je zuvor. »Das hilft uns jetzt auch nichts, wie müssen das Geld beschaffen. Wer weiß, was die sonst machen!«

Heute glaube ich, mein Vater hat an diesem Tag, im Angesicht des Schadens, einfach aufgegeben. Etwas in ihm ist zerbrochen. Ich kramte jeden Aurun und jede Sesterze zusammen, versetzte gute Teile meines Besitzes beim Pfandleiher und brachte alles Geld zusammen was unsere Familie hatte. Meine Mutter hatte derweil mit meinen Geschwistern unsere Wohnräume wieder hergerichtet, so gut es an einigen Stellen eben ging. Mein Vater saß nur in seinem Laden, unfähig mehr als einen Handschlag zu tun. Ich war sehr enttäuscht von ihm, ich konnte einfach nicht verstehen, warum er mir nicht half, oder wenigstens meine Mutter unterstützte. Wir konnten alle sehen, was auf dem Spiel stand.

Am nächsten Morgen kamen sie in den Laden meines Vaters. Ich stand neben ihm und hielt den Sack mit dem Geld bereit. Sie waren zu dritt, der großgewachsene Kerl den ich von früher kannte, eine kleinere ältere Menschenfrau und ein bulliger Caprian, einer vom Ziegenvolk. Ich kann mir vorstellen, dass Du noch nie einen gesehen hast, hatte ich bis zu diesem Tage selbst nicht. Das Ziegenvolk hat sich fast nie in das Kaiserreich verirrt. Ihre Heimat waren die Inseln im Südwesten und die westlichen Gebirge in denen die Barbarenstämme lebten. Ich glaube, heute sind sie noch seltener geworden, zumindest auf diesem Kontinent.
So ein Caprian ist gebaut wie ein kräftiger, untersetzter Mensch, meist etwas kleiner, aber mit dem Kopf und den Hinterläufen eines Steinbocks. Arme und Oberkörper muten, abgesehen von einer dichteren Behaarung, wie die eines Menschen an.

Jedenfalls sprach die ältere Frau zuerst.
»So, Livius, übernimmst Du jetzt das Geschäft Deines Vaters? Und seine Schulden?«, ihre Stimme krächzte unangenehm.
»Hier ist alles Geld was wir haben. Das muss reichen.«
»Das entscheidest nicht Du, Bürschlein. Gib her.«
Sie nahm mir den Beutel aus der Hand und leerte den Inhalt auf dem Tresen aus. Bedächtig schob sie die Münzen hin und her, räumte schließlich alles zurück in den Sack und gab ihn dem Caprian.
Dann sah sie mich an und legte den Kopf schief.
»Glaubst Du Bengel etwa, ihr könntet den blauen Raben hereinlegen? Das ist nicht mal die Hälfte!«
Hilflos sah ich meinen Vater an, doch er blickte nur ins Leere. »Sag doch auch mal was, Vater.«, raunte ich ihn an.
Nichts.
»Wenn das so ist. Rax, hol die Tochter.«, woraufhin sich der große Mann in Bewegung setzte.
»Nein!«, hab ich geschrien. Wollte mich ihm in den Weg stellen, aber er warf mich einfach zur Seite. Ich wollte ihm nach, aber der Caprian hielt mich mit eisernem Griff fest und lachte meckernd.
Rax kam mit meiner um Hilfe flehenden Schwester zurück, meine weinende Mutter zog er ebenfalls hinter sich her.
»Das passiert, wenn man seine Schulden nicht begleicht.«
Ich dachte, er würde nun ihren Finger brechen, so wie bei mir. Aber es kam schlimmer. Ich musste mit ansehen, wie er meiner unschuldigen Schwester mit einem großen Beil die komplette linke Hand abhakte. Beinahe wäre ich in Ohnmacht gefallen. Alles war rot.
Die Bande ging ohne weiteren Kommentar. Natürlich brachten wir meine Schwester sofort zum nächsten Arzt, aber ihr junger Körper hatte zu schnell zu viel Blut verloren. Sie starb wenige Stunden später.

Die Gefühle die in den nächsten Stunden über mich herfielen, waren zu viel für mich. Wut auf die Bande, Hass sogar, Wut auf meinen Vater und auch auf mich selbst. Ich konnte nicht zuhause bleiben, konnte nicht mit meinem Vater unter einem Dach verweilen. Heute kann ich seine zerschlagene Hoffnungslosigkeit ein wenig verstehen – sie hatten jeden Willen in ihm weiter zu machen gebrochen. Damals wollte ich nur irgendwie ertragen und fand eine Schenke und viel, viel Schnaps. Dass ich kein Geld hatte um diese zu bezahlen, kümmerte mich herzlich wenig.
Jemand sprach mich schließlich an.
»Das ist wirklich eine Schande, was der blaue Rabe Deiner Familie antut.«, es war ein finsterer Kerl mit schütterem Haar und einer seltsamen Tätowierung hinter dem Ohr. Später sollte ich erfahren, dass er Lynx genannt wurde.
»Wass kümmers Dich?«, oder sowas hab ich gelallt.
»Sagen wir, ich hätte selbst keine hohe Meinung von Lady Taghim. Sagen wir, ich hätte Verständnis für Deinen Wunsch ihr Leben zu beenden, so wie sie das Deiner Schwester beendet hat. Sagen wir, ich hätte die Möglichkeit Dir zu Deiner Rache zu verhelfen.«
Er stank nach Tabak und Öl, aber was er da vorschlug klang wie Musik in meinen alkoholgetränkten Ohren.
Gift, einfach durch eine kleine Nadel an der Handfläche zu injizieren, war sein Vorschlag. Ich sollte schlicht bei ihr auftauchen, um Verzeihung bitten und ihr auf die Hand versprechen, dass ich von jetzt an für pünktliche Zahlungen sorgen würde.
Es klang brillant, und das war es auch.
Heute weiß ich, natürlich, ich hätte wissen müssen, was für ein Mensch da vor mir saß, warum er das tat, was er tat. Damals war nur Rache in meinem Kopf. Rache und Wut und Hass.

Am nächsten Morgen, keine Ahnung wie ich dahin gekommen bin, stand ich vor einem großen Haus mit einer merkwürdigen Apparatur unter meinem Ärmel versteckt, und klopfte.
»Ja?«, kam das Krächzen von drinnen.
»Ich bin es, Livius Notte. Ich möchte mich entschuldigen.«
»Entschuldigen?«, sie öffnete die Tür einen Spalt und musterte mich skeptisch.
»Ja, ich will sagen, dass,… dass… ich werde besser zahlen als mein Vater.«
»Schön?«, immer noch war sie misstrauisch.
»Geben wir uns die Hand drauf?«
Jetzt betrachtete sie eingehend meine zum Einschlagen ausgestreckte Hand.
»Du hältst mich wohl für bescheuert? Was hast Du da, Gift?«
Sie hatte mich durchschaut. Ich wurde panisch und die Wut in mir übernahm die Kontrolle.
»Ja, Du Hexe, jetzt stirb!«, hab ich geschrien, rammte die Türe mit meiner Schulter auf und schlug ihre mit der flachen Hand wieder und wieder ins Gesicht.
Nun bekam sie Panik, schrie, versuchte mich von sich zu stoßen. Aber es war zu spät, das Gift drang durch duzende kleine Stiche in ihren Körper.
Ich stand auf, während sie sich röchelnd den Hals hielt. Im gleichen Moment kamen von weiter hinten im Haus zwei Stadtwachen angelaufen.
Ja, in meinem restalkoholisierten Zustand hatte ich nicht begriffen, dass ich an der Pforte der Leiterin der Stadtwache geklopft hatte. Ich nahm die Beine in die Hand und die beiden die Verfolgung auf.

Mein Vorsprung schwand schnell. Ich versuchte sofort um die nächste Ecke zu kommen, in der Hoffnung mich unter Deckung weiter entfernen zu können. Doch stattdessen zog mich unvermittelt jemand in einen Häusereingang. Es war Lynx.
»Junge, was hast Du da angerichtet?«, hat er mich angefaucht.
»Ich hab doch erreicht, was wir wollten, oder nicht?«
»Die Alte ist zwar hinüber, aber dafür Du auch. Die beiden Handlanger haben Dich garantiert gesehen und es ist nur eine Frage der Zeit, bis überall Fahndungsbilder hängen.«
»Wegen einer Verbrecherin? Warum waren da überhaupt Stadtwächter?«, hab ich gefragt – dann hat er es mir erklärt.

Er hat mich erst für drei Tage in einem kleinen Unterschlupf versteckt, Tage in denen ich gut über das, was ich angerichtet hatte, nachdenken konnte. Tatsächlich tauchten schnell Plakate mit schlechten Phantombildern von mir auf, aber vor allem war man auf meine Familie gekommen. Ich konnte mir ausmalen, wie einer der Helfershelfer der blauen Raben die Fährte für die Stadtwache aufgezeichnet hat – oder sogar Teil der Stadtwache war.
Lynx beschied mir mehrfach, dass es meiner Familie den Umständen entsprechend gut ginge. Aber er machte mir auch klar, dass ich nicht in Winkelburg bleiben konnte. Er bot mir an, mich in Sicherheit zu bringen und auch für die Sicherheit meiner Familie zu garantieren, wenn ich im Gegenzug der Organisation helfen würde, der er angehörte.
Ich hatte keine echte Wahl.

Nach Rotunhelm hat er mich geschleust, dort wurde ich mit der ›Nachtgarde‹ bekannt gemacht und man begann mich an den Waffen – Dolche, Messer, Armbrüste… Gifte – der Organisation auszubilden. Nach einigen Wochen verlangte man von mir, einen unbescholtenen Händler umzubringen. Man wäre dafür bezahlt worden, ich bekäme einen Anteil.
Ich weigerte mich.
Aber es genügte ein einfacher Satz, um mich umzustimmen. »Dann können wir nicht mehr für die Sicherheit Deiner Familie garantieren.«
Widerwillig setzte ich die Missetat um, nutzte mein bisschen Training für einen schäbigen Mord. Vollendet habe ich den Auftrag, aber man hat mich gesehen. Bald wäre ich in zwei Städten wegen Mordes gesucht. Die Nachtgarde war nicht faul, schmuggelte mich noch in der gleichen Nacht fort nach Tauranis in der Provinz Eos.

Meine Ausbildung wurde fortgesetzt, weitere Attentate angeordnet, und ich zusehends abgestumpfter. Ich hatte ein Talent für leises Eindringen, leises Kehlenschneiden und leise Flucht. In Tauranis und Umgebung hat mich keiner erwischt, obwohl ich innerhalb der nächsten drei Jahre über vierzig Morde beging. Auch ich bekam irgendwann die Tätowierung hinter dem Ohr, die mich lebenslang als einen der Nachtgarde kennzeichnen würde. Und Sie gaben mir den Spitznamen ›Nachthauch‹. Lange Zeit war ich nicht stolz darauf.

Ich war ungefähr zwanzig Jahre alt, als sie mich wieder verlegten. Meine inzwischen in der Nachtgarde hoch geschätzten Fähigkeiten wurden in Remak gebraucht. Auch hier gingen zwölf vorzeitige Tode auf mein Konto, und fast ein Jahr ins Land, bis sich etwas änderte.
Meine Loyalität zur Nachtgarde hing weiterhin nur von der Tatsache ab, dass ich meine Familie in ihrer Obhut wähnte. Man muss wohl geglaubt haben, nach den Jahren des Tötens in ihrem Namen wäre ich tatsächlich der Sache verpflichtet, gab mir mehr und mehr Freiheiten und ließ mich an mehr und mehr Wissen teilhaben. Ich erfuhr zum Beispiel, dass der Hauptsitz der Nachtgarde, das Steuerzentrum sozusagen, in der Provinz Zernoblatt lag. Das wird später noch wichtig.
Meine Befugnisse nutzte ich irgendwann, um nach Winkelburg zu reisen. Teils wollte ich meine Eltern, meinen Bruder wiedersehen, teils wollte ich nach einer Gelegenheit schauen, die Handlanger des blauen Raben ihrer gerechten Strafe zuzuführen.
Der Weg von Remak nach Winkelburg ist nicht sehr weit, wie Du vermutlich weißt, daher entschloss ich mich, ihn alleine zu Fuß zurück zu legen. Ich wollte möglichst ungesehen in die Stadt kommen, immerhin war ich weiterhin wegen Mordes gesucht, und ein Pferd wäre eventuell zur Last geworden.
Ungesehen, immerhin ist das meine Spezialität, überwand ich alle Kontrollpunkte und schlich mich bis zu meinem Elternhaus durch die Straßen. Mit Schrecken musste ich feststellen, dass es verlassen war.

Ohne Rücksicht auf das Risiko klopfte ich bei den Nachbarn. Ich musste wissen, was das zu bedeuten hatte.
»Livius! Bei den Göttern, wo kommst Du denn her? Man hat Dich längst für tot gehalten!«, der Nachbar war ein beleibter Mann namens Kurtiz, ich glaube er war Schuster oder Lederer, es ist zu lange her. Jedenfalls kannte er mich von klein auf.
»Das ist eine sehr lange Geschichte. Sag, Kurtiz, wo sind meine Eltern?«
Sein Gesichtsausdruck wandelte sich von überrascht zu entsetzt. »Oh weh, oh weh, Du weißt es nicht. Dein Vater starb nur wenige Wochen nach dem Du verschwunden bist. Der Medikus meint, es sei ein Leiden des Geistes gewesen, dass er möglicherweise schon länger gehabt hat. Und Deine Mutter… sie hatte es lange schwer, alleine mit Deinem Bruder. Die Stadtwache hatte sie beide auf der Abschussliste und hat ihnen Steine in den Weg gelegt. Sie ist mal so, mal so durchgekommen, musste niedere Dienste verrichten. Bei mir hat sie auch Schulden gemacht, nur um Brot kaufen zu können. Vor etwa drei Monaten ist sie schlimm erkrankt, Lungenentzündung wird vermutet, und kurz darauf gestorben.«
Ich sah, dass die Geschichte dem Mann zusetzte und konnte selbst nur fassungslos den Kopf schütteln. »Und was ist mit meinem Bruder?«
Da lief Kurtiz leicht rot an. »Nun… wie soll ich sagen… er lebt und arbeitet jetzt im roten Viertel.«
Verständnislos hab ich die Brauen zusammengezogen. »Als was, als Zuhälter? Als Wächter der Dirnen?«
»Weißt Du, ich war selbst nie dort. Aber man erzählt sich, dass er selbst als… Du weißt schon… arbeitet.«
Das traf mich ebenso hart, wie die Nachricht über den Tod meiner Eltern. Mein Bruder schaffte als Lustsklave an.
»Hast Du eine Ahnung, wo genau er da… arbeitet?«, mein Tonfall muss bedrohlich geklungen haben, so wie mich Kurtiz angesehen hat.
»Äh, es heißt, und ich kann nur betonen, dass ich nichts genaues weiß, man kann ihm im ›Goldenen Hahnenkorb‹ finden.«
Ich reichte ihm meine Hand, dankte ihm und ging. Ich kannte das Viertel nicht besonders, aber ein Etablissement mit diesem Namen sollte nicht schwer zu finden sein.

Tatsächlich fand ich den Laden, mehr Kaschemme als Wirtshaus, und zahlte am Eingang für den Einlass. Niemand schien sich an mir, meinem Gesicht oder sonst etwas zu stören. Mein Verstand hatte die Sorge um mein eigenes Wohl längst verworfen, wollte nur noch zu meinem kleinen Bruder. Ich fand ihn in einer düsteren Ecke in den Armen eines feisten Aristokraten im Alter unserer Eltern.
»Geh weg, Schmarotzer.«, seine wegwerfende Bewegung mit der Hand in meine Richtung nutzte ich, um eben diese zu ergreifen und zu verdrehen. Schmerzensschreie stieß der fette Alte hervor, bis ich ihm ein Messer an die Nase hielt.
»Zieh Leine oder ich schneide alles ab, was Du für wichtig hälst.«, hab ich gefaucht.
»Livius? Du lebst?«, hat mein Bruder mit weit geöffneten Augen geraunt.
Der geile Bock türmte mit eingekniffenem Schwanz als ich ihn los ließ. Ich fiel dafür meinem Bruder um den Hals. Zurückhaltend hat er die Umarmung erwidert.
»Gott sei Dank, Du lebst noch.«, hab ich gesagt. »Ich werde Dich hier heraus holen, Du musst das nicht mehr machen.«
»Ich glaube, Du verstehst nicht, wie das hier läuft. Ich kann nicht…«, er hielt Inne und sah an mir vorbei.
»Was soll das hier werden, Bursche?«, eine tiefe Stimme kam von weit oben. Ich drehte mich um und sah mehr Schrank als Mensch, einen riesigen Kerl in dunkler Kleidung. Hinter ihm stand der Aristokrat, der sich das Handgelenk hielt.
»Dies hier ist mein Bruder, ich werde ihn mitnehmen.«
Ein höhnisches Lachen erklang. »Du glaubst wohl, ich bin der Samariter Ben Shalom, und verschenke meine Jungs an jeden dahergelaufenen Landstreicher, was?«
Ich stand auf, ging dem Hünen bestenfalls bis zur Brust. Ich legte den Kopf schief und sah hinauf zu ihm.
Da sah ich es.
Das Zeichen hinter seinem Ohr.
Durch meinen schief gelegten Kopf muss er das meine gesehen haben. Er begann zu lächeln und legte mir Hand freundlich, aber bestimmt, auf die Schulter. »Lass uns das oben besprechen.«, waren seine Worte.
Ich ging mit ihm, und verließ den Laden mit meinem Bruder und reichlich Silber in der Tasche. Keine Ahnung wann sie seine Leiche fanden, aber bis dahin waren wir längst aus der Stadt.

Ich suchte mir einen Hof zwischen Winkelburg und Remak, auf dem ich meinen Bruder versteckte, und beeilte mich nach Remak zu kommen.
Die Nachtgarde hatte mich lange genug besessen.

In Remak suchte ich im Schutz der Dunkelheit die verschiedenen Schlupflöcher der Nachtgarde auf, schlitzte jede Kehle von jedem Mitglied das ich fand. Später habe ich mich gefragt, wie viele der Toten mein Schicksal geteilt hatten, aber in dieser Nacht war ich außer Kontrolle. Nur einen habe ich nicht sofort von seinem Leben befreit – Lynx. Ich wollte noch etwas wissen, den Namen von demjenigen, der ganz oben saß. Lynx hat ihn mir ziemlich schnell verraten, aber ich habe mir dann noch etwas mehr Zeit gelassen. Immerhin war es sein Verdienst, wer ich geworden war. Er sollte es auskosten dürfen.

Unter den Männern und Frauen der Nachtwache gab es natürlich Überlebende in Remak, nicht jeder wartete in einem Unterschlupf. Ich glaube, sie mussten nicht lange grübeln, bis sie auf mich als Täter kamen. Da auch ein paar Mitglieder der Stadtverwaltung und der kaiserlichen Berater zu meinen Opfern in dieser Nacht zählten, wurde ich nun auch hier wegen Mordes gesucht. Es kümmerte mich wenig, da ich zeitlebens die Stadt nicht mehr betrat. Ich war auf dem Weg nach Zernoblatt.

Das Unterfangen war riskant, ich kannte die Städte nicht, die Wege waren mir fremd, alles was ich hatte war ein Name. Fürst Duukon von Blaun. Bis ich ihn, schlafend in seinem Gemach, fand, war er der Herrscher über die Provinz. Dass er auch über ein Assassinennetzwerk gebot, welches im ganzen Kaiserreich aktiv war, wusste niemand. Diesen Umstand wollte ich ändern.
Nachdem seine Kehle Bekanntschaft mit meinem Dolch gemacht hatte, nahm ich mir die Zeit eine Art Abschiedsbrief für ihn zu schreiben. Mit seinem Blut. Auf seinen Bettlaken. Dann habe ich ihn an einem Strick aus dem Fenster gehängt und das Laken, gut sichtbar für die Bewohner der Burg, hinter ihm aufgespannt.
Die Morgensonne muss ein fantastisches Bild beleuchtet haben.
Ich war bereits über alle Berge.

Die kümmerlichen Reste der Organisation Nachtgarde schafften es zwar noch, mich wegen des Mordes suchen zu lassen, aber die Wahrheit, die rot auf weiß aus dem Fenster des Belfrieds hing, konnten sie nicht vertuschen. Weder mein Bruder noch ich wurden je wieder von ihnen behelligt, und ich gehe davon aus, dass die Gruppe nicht mehr existiert. An ihre Stelle sind natürlich andere getreten, Gilden und Kulte die es nicht weniger schlimm treiben, so ist das leider. Man kann sie nicht alle aufhalten.

Meinen Bruder habe ich nach Süden gebracht, und ihm ein Haus und eine vernünftige Anstellung in der Stadt Meta’Tok in der Provinz N’Tenau besorgt. Natürlich hatte ich so einiges an Barschaft aus den Kassen der ehemaligen Nachtgarde mitgenommen, wodurch weder Reise noch Hauskauf ein Problem wurden. Ich selbst wollte versuchen, nach über vier Jahren als Attentäter, wieder den Beruf eines Händlers auszuüben. Wenig später fand mich Lucius. Er beteuerte zu wissen, warum und wen ich getötet hatte, und bot mir eine Stelle in seinem Sonderregiment an.
Warum ich angenommen habe? Es ist schwer sich mit dem Schachern um eine oder zwei Sesterzen unterhalten zu fühlen, wenn man so viele Menschen getötet hat, wie ich. Und ich hatte so eine Ahnung, dass ich unter seiner Führung weiterhin die richtigen Leute umbringen konnte. Irgendwie hoffe ich selbst heute noch, dass ich meine Schwester eines Tages an Rax rächen kann.

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