Der ältere Bruder – Die Asche Legion Teil IX

Lex Ucinae – Der ältere Bruder

Soll das heißen, obwohl ich all eure Geschichten verpasst habe, soll ich jetzt von mir erzählen? Das hat man davon, wenn man Patrouille schieben muss. In Ordnung, Freund Nebel, dann also zu mir. Aber wo fange ich an?

 

Ich könnte dir von meiner Kindheit in dem kleinen Vorort von Winkelburg erzählen. Wo ich aufgewachsen bin, geklaut habe und mich prügelte, nur so zum Spaß. Oder ich erzähle von den Jahren die ich mit Relix verbracht habe, als wir unsere Fähigkeiten als Söldner den Meistbietenden feilboten, bevor wir Lucius kennen gelernt haben. Gute Jahre. Aber das überlasse ich vielleicht lieber Relix.

In Ordnung, ich werde dir von der Zeit erzählen, in der ich meine Talente zu entdecken begann, bevor ich meinen Bruder im Geiste gefunden hatte.

 

Im Sommer als ich fünfzehn Jahre alt geworden war, warf mich mein Vater aus dem Haus. Eigentlich stellte er mich vor die Wahl: Eine Ausbildung zum Kürschner bei ihm, oder das Verlassen seiner vier Wände. Meine Mutter hatte nicht viel Mitspracherecht, und da ich bereits davor ein kleiner Rebell war, wählte ich das Exil. In unserem kleinen Ort war ich bekannt, Fuß zu fassen wäre schwer geworden. Also ging ich fort.

 

Winkelburg wäre die logische Wahl gewesen. Große Stadt, tolle Möglichkeiten, aber es zog mich fort von den Menschenmassen. Ich wanderte eine ganze Weile an den großen Wäldern des Kaiserreiches entlang in Richtung Süden. Ernährt hat mich die Natur, Obst von kultivierten Hainen oder Beeren von wilden Büschen. Damals hab ich nicht versucht ein Tier zu fangen – meine Chancen wären unterirdisch gewesen. Aber natürlich litt ich Hunger und wäre es nicht die warme Jahreszeit gewesen, wäre ich garantiert erfroren.

Meine kleine Reise endete in einem niedlichen Holzfällerdorf namens Luchstal.

 

Wie gesagt, ich war hungrig. Am Rande des Dorfes, direkt bei den Bäumen, fand ich eine Tierfalle mit einem gefangenen Kaninchen. Einen Moment hab ich gezögert, dann habe ich den toten Nager aus der Falle befreit und wollte mich mit ihm davonstehlen. Als ich mich erhob und umdrehte, stand da plötzlich eine riesige Frau vor mir.

Sie war groß, wirklich groß, fast so alt wie meine Mutter und breiter als mein Vater. Mit einer tiefen und doch verblüffend warm-weiblichen Stimme schalt sie mich: »Wen haben wir denn hier?«

Ich war starr vor Schreck und ließ den Hasen fallen.

»Ich… wollte… nicht…«, stammelte ich. Sie unterbrach mich.

»Was nicht? Stehlen? Ich glaube schon. Am besten bringe ich dich zum Büttel.« Dann musterte sie mich genauer. »Bist ganz schön dürr. Wo kommst du her?«

Ich schwieg.

»Antworte, Junge, sonst prügelt der Büttel die Antworten aus dir heraus.«

»Mein Vater hat mich rausgeworfen«, murmelte ich.

Sie nickte. »Weißt du wie man den häutet?« Dabei deutete sie auf das Kaninchen zu meinen Füßen. Ich schüttelte den Kopf.

»Komm mit, ich zeige es dir.«

Und das tat sie.

 

Die kommenden vier Jahre verbrachte ich bei Mora. Sie war Wildhüterin und vom Kaiser für das Gebiet rund um Luchstal berufen worden. In dieser Zeit lernte ich von ihr Unmengen über das Wild und den Wald, wie man sich bewegt und worauf man achten muss. Auch das Bogenschießen hat sie mir beigebracht, auch wenn ich natürlich nicht mit Atreus mithalten kann. Wir hatten recht viel Platz in ihrer Wildhub etwas abseits des Dorfes. Ich wusste lange nicht, warum sie mich derart bereitwillig aufgenommen hatte.

 

Das änderte sich an einem Spätherbsttag mehr als vier Jahre nach meiner Ankunft. Wir waren tief im Wald, weil wir einen Bär verfolgten, der auf den Bauernhöfen am Waldrand schwere Schäden verursacht hatte. Das Tier hatte überaus ungewöhnliches Verhalten gezeigt, Mora vermutete Tollwut.

Für mehrere Stunden waren wir der Spur des Bären gefolgt, immer auf der Hut. Ein tollwütiges Tier ist unberechenbar. Schließlich stießen wir auf einen kleinen Hügel mit einer höhlenartigen Vertiefung. Es musste der Unterschlupf des Bären sein.

Mit bereiten Bögen gingen wir in Stellung, einige Schritt voneinander und dem Höhleneingang entfernt, aber mit guter Sicht. Mora schleuderte einen Stein in Richtung der Höhle, um das Tier aufzuscheuchen.

Ein ohrenbetäubendes Gebrüll ertönte. Aus der Höhle kam kein normaler Bär.

Das Geschöpf war groß, größer als jeder Braun- oder Schwarzbär. Aus seinem Nacken und Rücken ragten lange Borsten, beinahe an ein Stachelschwein erinnernd und sein übergroßes Gebiss enthielt gigantische Reißzähne. Ein unnatürliches, blau-grünes Glühen umspielte seine dunklen Augen, die hektisch nach uns suchten.

Natürlich hatte ich Angst, aber Mora, Mora war panisch. Wild gestikulierte sie, bedeutete mir den Rückzug anzutreten. Das klang nach einem guten Plan, also machte ich vorsichtige Schritte rückwärts. Gerade als ich das Gefühl hatte, das Ungetüm hätte die Suche aufgegeben, fixierte es mich mit seinen kleinen schwarzen Augen.

Und sprintete los.

Ich wusste, was ich bei einem normalen Bären in diesem Fall tun müsste. Selbst bei einem tollwütigen Bären, hätte ich eine Idee gehabt. Aber bei diesem Monster? Meine Instinkte übernahmen die Kontrolle und ich rannte. Entfernt konnte ich Mora schreien hören, aber das Gebrüll des Bären war schnell übermächtig.

Ich lief um mein Leben, brüllte mich innerlich an ›Du Trottel, der Bär ist viel schneller als du!‹, aber ich rannte weiter. Mora spickte den Bären mit Pfeilen, aber das interessierte ihn nicht.

Was mein Leben schließlich rettete, war ein großes Loch. In meiner Panik hatte ich nicht gut auf den Boden vor mir geachtet, und ich stürzte in ein ziemlich tiefes Loch. Mein Kopf schlug an einer Wand auf und mein Bewusstsein verabschiedete sich.

 

Stunden später wachte ich auf, mein Kopf dröhnte vor Schmerz. Mora lag sechs oder sieben Schritt über mir an der Kante des schmalen Loches und schaute zu mir herunter. »Gut, du bist endlich wach. Kannst du dich bewegen?«

Mühsam versuchte ich aufzustehen, hielt mich an den Wänden der Vertiefung fest. Mein Rücken schmerzte, ebenso meine Hüfte, und als ich meinen linken Fuß belasten wollte, wäre ich vor Schmerz beinahe zusammengebrochen. Aber ich kam hoch.

»Ich hab ein Seil geholt und werfe es dir runter, in Ordnung? Dann holen wir dich da raus.«

 

Unser Rückweg war lang, anstrengend und schweigsam. Es war bereits tiefe Nacht als wir an unserer Hütte ankamen. Nachdem Mora ein Feuer entzündet hatte, begann sie zu erzählen.

»Drei Jahre, bevor ich dich gefunden habe, hat dieses Monster meinen Sohn getötet. Er war achtzehn Jahre alt. Ich entkam nur knapp. Natürlich wollte ich Rache, aber es gelang mir nicht das Versteck des Ungetüms zu finden. Ich dachte, er hätte unseren Wald verlassen. Jetzt weiß ich wo er lebt, ich werde gehen und ihn töten.«

»Nimm mich mit«, flehte ich. Mora bedeutete mir etwas, mehr als meine richtige Familie, ich wollte ihr helfen und ihren Jungen rächen.

Sie schüttelte den Kopf. »Du bist verletzt, mit deinem Fuß kannst du nicht in den Wald und du wärst mehr Last als Hilfe.«

»Dann warte eine Woche, warte und ich komme mit und gemeinsam töten wir dieses… Ding.«

Liebevoll streichelte sie mir über die Wange. »In Ordnung. Aber du musst dich ausruhen und gut erholen, damit du wirklich fit bist.«, mahnte sie mit erhobenem Finger.

 

Zehn Tage später waren wir wieder auf dem Weg in den Wald. Neben unseren Bögen, die gegen ein solch großes Tier kaum etwas ausrichten würden, hatten wir jeder einen Speer dabei. Diesen Speer hier, genau genommen, ich habe ihn nach dem Kampf nie wieder hergegeben. Mora wusste genau, wo die Höhle war, doch trotz unserer großen Erregung bewegten wir uns langsam und umsichtig. Vor sieben Jahren hatte das Ungetüm Mora und ihrem Sohn aufgelauert, war aus dem Nichts aufgetaucht und hatte sie umgerissen bevor sie etwas tun konnten. Das sollte uns nicht passieren.

 

Ich bezweifle, dass wir den Bären sahen, bevor er uns bemerkte, aber auf alle Fälle sahen wir ihn rechtzeitig. Er ging über eine Lichtung gut fünfzig Schritt vor uns. Wir näherten uns mit etwas Abstand zwischen uns, das Ungetüm nicht aus den Augen lassend. Ich weiß noch genau, wie mein Herz mir zum Hals schlug. Mit dem Speer hatte ich kaum Erfahrung, für Wildhüter waren Bogen und Jagdmesser die Waffen der Wahl. Und gleich sollte ich mit dem Speer ein tonnenschweres, magisches Tier angreifen. Es wirkte absurd.

 

Mora und ich fixierten den Bären und kamen langsam auf ihn zu. Natürlich hatte uns das Monster bemerkt, machte aber keine Anstalten anzugreifen. Beinahe abwesend schlenderte es von der Lichtung herunter, warf uns aber kurze Blicke zu und knurrte.

»Lex, bleib auf zehn Schritt.«, warnte mich Mora. Tatsächlich war ich weiter auf den Bären zugeschritten, wogegen sie ihre Entfernung behielt. Das Tier schien in dem Augenblick die gleiche Abschätzung zu machen – und entschloss sich zum Angriff.

Sofort machte ich den Speer bereit, zweifelte aber sofort an der Wirksamkeit. Trotzdem hielt ich stand. Der Bär wollte mit seiner Pranke den Speer wegschlagen, aber ich zog schnell genug zurück und stieß wieder vor. Das Tier warf sich in den Speer, trieb die Spitze tief in seinen Brustkorb – bis die Waffe einfach zerbrach.

Das Ungetüm hätte mich unter sich begraben, wenn es gewollt hätte, aber es stützte sich auf und wollte seine Pranke in meinen Körper schlagen. Da kam Mora endlich.

 

»Stirb, Bestie!«, ertönte ihr Kampfschrei. Sie stieß dem Bären ihren Speer mit solcher Wucht in den Hals, dass er trotz seiner Größe zur Seite taumelte. Er ließ von mir ab und stellte sich Mora zum Kampf. Geschickt wich sie erst einem, dann einem zweiten Prankenhieb aus und rollte zur Seite weg, als er sie packen wollte.

Inzwischen rappelte ich mich wieder auf, aber mein Speer war dahin. Nach meinem Bogen greifend musste ich feststellen, dass das Holz einen Sprung bekommen hatte. Mir war klar, dass ich ihn nicht spannen können würde. Also griff ich beherzt zum Jagdmesser. Verzweiflung führte meine Hand.

Mora indes hatte zwar nicht die Oberhand, aber sie platzierte immer wieder kleine Treffer, während der Bär nicht an sie heran kam. Bald benetzte das Blut des Untiers den Waldboden. Sein Gebrüll wurde lauter, wütender, verzweifelter.

 

Dann geschah es: Er bekam Moras Speer mit seinem Maul zu fassen, entriss ihr die Waffe und schleuderte sie fort. Ohne Zögern zog meine Ziehmutter ihr Jagdmesser und erwartete den Angriff des Bären mit grimmigem Gesichtsausdruck. Ich hingegen hechtete zum ihrem Speer.

Sofort setzte der Bär nach, hieb nach Mora und kam ihr gefährlich nahe. Noch konnte sie ausweichen, schwang das Messer in weiten Schwüngen um den Bär am Zuschnappen zu hindern.

Gerade hatte ich den Speer erreicht und brachte die Waffe in Stellung, da musste ich mit ansehen, wie die Kiefer des Bären über einem zu flachen Schwung des Messers zuklappten und Moras Schulter verschwinden ließen.

Sie schrie vor Schmerz und Adrenalin schoss durch meinen Körper. Ich sprang vor und rannte zum Monster. Mit einem kräftigen Schütteln seines Kopfes, riss der Bär Moras Arm ab und das abgetrennte Gliedmaß flog in hohem Bogen in meine Richtung. Entfernt nahm ich war, dass Mora zusammenbrach, aber mein Fokus und meine Wut waren auf den Bären gerichtet.

Mit aller Kraft die ich hatte, rammte ich der überraschten Bestie den Speer in den Schädel. Das Glück war mir holt, ich traf eine Lücke zwischen den Knochen und mein Speer drang tief in den Kopf des Bären.

Mehr als ein tiefes, dröhnendes Seufzen entkam dem Bären nicht mehr. Dann war er erlegt. Ich konnte sehen, wie das Glühen aus den Augen schwand. Das dicke, dunkelrote Blut ergoss sich über den Speer, aber ich ließ die Waffe einfach stecken.

 

Ich trat mit zitternden Knien zu Mora. Sie lächelte, aber ihr Tod stand bevor. Sie hat etwas zu mir gesagt, oder eigentlich versucht etwas zu sagen. Aber ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, die Worte gebrochen. Ich rede mir gerne ein, dass sie sich bedankt hat. Bedankt dafür, das Ende des Biests zu sehen.

Dann war sie tot.

 

Ich habe sie dort begraben, nahm ihr Messer, ihren Bogen und auch ihren Speer – diesen Speer – mit zu unserer Hütte und ließ das unnatürliche Tier einfach dort liegen.

Später erfuhr ich, dass das Blut, das in diesen Speer eingezogen ist, magische Eigenschaften hat und diese Waffe stärker und tödlicher gemacht hat. Vermutlich wäre auch der Rest des Bären wertvoll gewesen, aber sein Kadaver ist dort im Wald vor langer Zeit verrottet.

 

Ich wollte eigentlich in Luchstal bleiben, wollte die Stelle als kaiserlicher Wildhüter übernehmen. Aber ein Abgesandter traf einige Zeit später ein und brachte den neuen Wildhüter dieses Forstes mit. Den unbekannten Jungen, der vier Jahre im Haus der alten Hüterin gewohnt hat, wollte man nicht mehr sehen. Also verließ ich Luchstal, was mich einige Jahre später in Relix Arme führte. Relix, erzählst du jetzt weiter?

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