Der Bursche – Die Asche Legion Teil XI

Der Bursche

Bin ich endlich dran? Wird aber auch Zeit. Nichts gegen die anderen, die haben natürlich alle viel mehr auf dem Kerbholz als ich, mit deren abgefahrenen Geschichten kann ich kaum mithalten. Immerhin hat mich Lucius schon mit dreizehn Jahren in seine Truppe aufgenommen – wie viel sollte ich bis dahin schon erleben? Den größten Spaß hatte ich sicherlich erst, als ich mit diesem Haufen hier reisen und ihre Standarte tragen durfte. Aber fangen wir ruhig vorne an.

Geboren wurde ich im der Stadt Eichfurt an der Grenze zur Provinz Zernoblatt im Osten. Meiner Mutter wurde ich als vierter Sohn aus sieben Kindern geboren. Anaxibos nannte sie mich nach, einem der Onkel meines Vaters, der seinerseits den Namen von einem der Gründer von Eichfurt geerbt haben soll. Als angesehener Schmied verdiente mein alter Herr ziemlich gut, aber die vielen Mäuler zu stopfen war trotzdem keine leichte Aufgabe. Zumal ich später noch einen kleinen Bruder und eine kleine Schwester hinzu bekam.
Das meine älteren Brüder bereits zum Familieneinkommen beitrugen, indem sie fischten, Botendienste erledigten oder andere Hilfsarbeiten verrichteten, war für mich von Anfang an normal. Früh war mir klar, spätestens mit sechs Jahren, würde ich auch etwas verdienen müssen.
Ich entschloss mich, Kontakt zum Schuster aufzunehmen. Er hatte zwar einen Sohn in meinem Alter, der war aber ohne rechten Arm geboren worden und konnte seinem Vater nicht zur Hand gehen. Dort wollte ich als Aushilfe arbeiten.

Aber alles kam anders.

Der Schuster, sein Name war Walther, glaube ich, hatte mir versprochen, dass ich ab Herbst nach meinem sechsten Geburtstag bei ihm anfangen würde, einfache Arbeiten, kleines Geld. Ich freute mich schon sehr darauf, der Gedanke unserer großen Familie tatsächlich helfen zu können, und sei es nur mit wenigen Kupferstücken pro Woche, erfüllte mich mit Stolz.
Am Abend des Ernting, unserem Fest im Spätsommer, war halb Eichfurt auf dem großen Dorfplatz versammelt, sang und tanzte. Ich kann mich gut an die Gerüchte erinnern, auf einem duzend großer Holzkohlegrills wurden ganze Ferkel gebraten und der Duft von schwerem Honigwein flog mit den Grillaromen durch die Luft.
Als kleinem Bengel stand es mir nicht zu, lange nach Sonnenuntergang dort zu bleiben. Ich sollte mit meiner ein Jahr älteren Schwester und meinen jüngeren Geschwistern nach Hause und schlafen.
Wie langweilig.
Ich hab mich aus dem Haus gestohlen und am Rande des Platzes, am Fluss, versteckt. Ich wollte die Melodien hören, die Instrumente. Ich wollte das Fest genießen, aber ich kann mich heute nur noch an den Bratengeruch und die Schreie erinnern.

Ob die Marodeure aus dem Miazinreich, die an diesem Abend über die Stadt herfielen, auf das Fest gewartet hatten oder ob es reiner Zufall war – ich habe es nie erfahren. Sie ritten auf schlanken Pferden und stachen mit kurzen Speeren die Menschen nieder. Ich… auch meinen Vater traf ein Speer in den Hals, als er versuchte meine große Schwester zu schützen.

Es blieb beim Versuch.

Wie auch immer, als sich der Staub legte und ich Stunden später halb erfroren aus meinem Versteck am Flussufer gekrochen kam, waren die Räuber fort, hatten hunderte Tote und Verletzte hinterlassen und viele Frauen, unter anderem zwei ältere Schwestern von mir, als Beute mitgenommen.
Ich war Waise, von meinen Geschwistern hatten nur die Kleinen im Haus und mein älterer Bruder Rolakis leicht verletzt unter einem umgeworfenen Tisch überlebt.
Der Landesfürst ließ kurz darauf die zerstörte Stadt wieder aufbauen. Die meisten Kinder die ihre Eltern verloren hatten, kamen bei ihren Verwandten unter. Meine eigenen Eltern jedoch waren zugezogen, aus den westlicheren Teilen des Kaiserreiches. Niemand in der Gegend war mit uns verwandt.
Rolakis wollte die Schmiede meines Vaters fortführen, wollte für seine jungen Geschwister sorgen. Doch der Fürst verbat es, zu wichtig wäre die Schmiede für die Stadt um sie einem Bengel anzuvertrauen. Wir kamen gemeinsam in ein Waisenhaus am Stadtrand.

Vom Erbe unseres Vaters, das uns eigentlich zugestanden hätte, bekamen wir nichts. Damit würden unsere Schulden im Waisenhaus getilgt, immerhin lebten und aßen wir dort umsonst, war die Erklärung.
Natürlich wollte sich mein älterer Bruder nicht damit zufrieden geben. Er fasste einen Plan, wollte aus dem Waisenhaus entkommen, unser Erbe einklagen und uns dann aus dem schrecklich dunklen Ort herausholen. Kaum einen Monat nach unserer Ankunft im Waisenhaus, verschwand er des Nachts.
Ich habe nie erfahren, was aus ihm geworden ist.

Die nächsten vier Jahre verbrachte ich im Waisenhaus. Dunkel war es zwar, aber eigentlich kamen wir gut über die Runden. Die beiden Frauen, die das Haus leiteten, ließen uns zwar arbeiten, aber auch viel spielen und lernen. Ich hatte den Eindruck, dass es fair zuging.
Die Lage änderte sich, als eine unserer Hüterinnen schwer erkrankte. Es wurde ein Ersatz bestellt, ein ziemlich feister Herr Namens Kleinschnellenkamp. Im Gegensatz zu unseren guten Damen, überhäufte er uns mit Arbeit, es gab sofort Schläge wenn etwas nicht richtig war oder zu langsam ausgeführt wurde. Zeit für Spiele oder Bücher hatten wir nicht, ich glaube auch KK, wie wir ihn nannten, konnte gar nicht lesen.
Einen Monat nach seiner Ankunft, floh ich aus dem Waisenhaus. Ich versprach meinen Geschwistern einen Weg zu finden, wie ich sie herausholen konnte, und kletterte einfach nachts aus einem Fenster.

Unschwer zu erraten, dass ich als gerade zehn Jahre alter Bursche, keinen Schimmer hatte, wie ich das wohl anstellen sollte. Zunächst flüchtete ich aus der Stadt und suchte nach Arbeit. Ich konnte fast nichts Nützliches, war weder stark noch geschickt oder besonders gebildet. Ich wäre wohl verhungert, wenn ich nicht einen Außenposten der Armee gefunden hätte.
Als Botenjungen, Waffenputzer und Wasserträger nahm man mich auf. Es war harte Arbeit, aber dafür zeigten mir die Soldaten den Umgang mit dem Schwert – soweit es einem kleinen Jungen eben möglich war.
Gehör für meine Sorgen um meine Geschwister bei dem bösartigen KK hatte niemand. Bis dieser Kerl dort an dem Außenposten vorbei kam.

Als er meine Geschichte hörte, wartete Lucius keinen Tag ab. Wir reisten gemeinsam nach Eichfurt, er plauderte ein paar Takte mit KK und schon waren meine beiden Schwestern und mein jüngerer Bruder in seiner Obhut. Ohne große Mühe vermittelte er jeden in eine Anstellung als Lehrling in diesem oder jenem Handwerksbetrieb. Auch mich wollte er unterbringen, beim Schuster sogar, doch ich lehnte ab. Ich wollte mit ihm gehen, für ihn als Bannerträger die Ehre seiner vierzehnten Kohorte hoch halten. Er gewährte mir diese Ehre, verfeinerte meinen Umgang mit dem Schwert und machte aus mir ein vollwertiges Mitglied dieser Einheit.
Auch wenn sie mich noch immer »Bursche« rufen.

Ein Kommentar

  1. Ich lese Deine Geschichten immer gerne,alle sind bisher spannend gewesen .
    Wo hast Du nur die Ideen dafür her ?
    Ich freue mich schon auf die nächste !!!!!!!!!!!!!!

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