Fortsetzungsnovelle Stimmen: Monat 2 – Überraschendes Angebot

Heute gibt es den zweiten Teil der Fortsetzungsnovelle zu lesen, wieder mit einer Frage am Ende, deren Beantwortung in euren Händen liegt. Wie soll es weiter gehen, was wollt ihr gerne lesen?
Die Umfrage ist bis 23:59 am 01.09. offen.


Als Sam am nächsten Morgen lustlos auf seinem Brot herum kaute, wog er seine wenigen Optionen ab.
Natürlich könnte er Jessica anpumpen – er war sich ziemlich sicher, dass sie ein gut gefülltes Sparkonto hatte – aber eine plausible Geschichte, warum er von heute auf morgen dreitausend Euro brauchen würde fiel ihm nicht ein. Stattdessen könnte er es mit der Wahrheit probieren.
Lieber nicht.
Also blieb ihm eigentlich keine Wahl als das Angebot von Robert anzunehmen. Das bedeutete, er brauchte so schnell wie möglich einen neuen Job, alleine um die Zinsen zahlen zu können. Zweihundertvierzig Euro monatlich.
Schwer seufzend griff er zum Handy und wählte die Nummer seines Buchhalters.
»Hey Robert, wegen dem Kredit … ja, ja, ich nehme das Angebot gerne an … auf mein Girokonto bit… Moment, wieso fünftausend? … naja, schon, ich dachte an drei … fünf oder nichts, hm? … ja, dann eben fünftausend Euro … erste Rate am nächsten Monatsersten, geht klar … nein, keine Sorge, ich kriege das Geld … Mach’s gut.«
Sam schüttelte den Kopf. Jetzt waren es plötzlich vierhundert Euro Zinsen.
Aber er bekam auch zweitausend zur freien Verfügung, selbst nach Abzug vom Dispozins.

Wenig später verspielte er getreu seinem System zweihundert Euro in zwei verschiedenen Spielsalons.
Es tat gut, aber nicht so gut wie sonst. Das seltsam befriedigende Gefühl, dass er sonst bekam, wenn er an einem Automaten saß oder Online wettete, war schal geworden. Die Angst vor dem Bankrott überschattete sein Denken. In den letzten drei Jahren, in denen er vom gelegentlichen Lottospieler zum Systemspieler mit Ziel geworden war, hatte er nie so über die Stränge geschlagen. Zum ersten Mal in seinem Leben wusste er nicht, wie es weiter gehen sollte.
Nur das Spielen beruhigte ihn zeitweise.
Also tat er es.

In den folgenden Tagen nervte ihn Jessica immer wieder mit dem Bewerbungsprozess: ›Hast du schon eine Antwort?‹, ›Wie viele hast du heute geschrieben?‹, ›Gehst du auch mal da hin und fragst nach?‹
Nach einer Woche hatte er genug von ihren bohrenden Fragen und wählte einfach die Nummer der Praxis, an die er die erste Bewerbung geschickt hatte.
»Guten Tag, Samuel Neuhaus hier, ich hatte mich bei ihnen auf die Stelle als Physiotherapeut beworben und wollte …«
»Neuhaus?«, unterbrach ihn die Frauenstimme am anderen Ende der Leitung. »Sie haben ja Nerven.«
Sam schüttelte kurz überrumpelt den Kopf. »Entschuldigung? Ich verstehe nicht ganz.«
»Hören Sie, die Praxen und Kliniken, die Personaler und überhaupt … wir reden miteinander, ja? Frau Jacobs hat uns längst informiert warum sie dort nicht mehr arbeiten. In der Branche werden Sie wohl kaum eine Stelle finden, zumindest nicht im Raum Berlin.«
»Sie dürfen der Jacobs nicht glauben, die erzählt nur …«
»Guten Tag.«, sie legte auf.
»… Scheiße.«
Kurz wollte Sam das Handy durch den Raum werfen, besann sich dann eines Besseren.
»Hey Robert. Wer spielt heute Abend? Ich will … was heißt das, du nimmst meine Wetten nicht an? … Aber wie soll ich meine Schulden zahlen wenn ich nicht … Dann vergiss es halt.«
Jetzt flog das Handy.

Als Jessica später nach Hause kam, hing er völlig deprimiert vor seinem Laptop.
»Hey Schatz, wie war dein Tag?«, flötete sie. »Noch Bewerbungen geschrieben?«
Sam gab ein undefiniertes Grunzen zur Antwort.
Sie kam zu ihm, klappte ohne Kommentar das Notebook zu und starrte ihn einen Moment lang an. »Heißt das ja oder nein?«, raunte sie schließlich.
»Nein, ich hab’ keine geschrieben«, antwortete er genervt.
Stattdessen hatte er fast fünfhundert Euro online verspielt.
»Warum nicht? Oder hast du etwa einen Job gefunden? Warst du mal bei einer Praxis und hast gefragt? Wenn du den ganzen Tag vor dem Laptop hängst bekommst du garantiert keinen neuen …«
»Die Alte hat mich schlecht gemacht!«, unterbrach er seine Freundin.
Jessica verengte die Augen. »Wie jetzt? Haben die sie angerufen und sie hat gestänkert?«
»Keine Ahnung was die Jacobs genau gemacht oder gesagt hat. Jedenfalls krieg ich hier wohl keinen Job mehr als Physiotherapeut.«
Sie ließ sich neben ihm fallen, legte den Arm um ihn. Die Geste war seltsam feinfühlig, so hatte er Jessica schon lange nicht mehr erlebt. »Armer Sam, das ist fies. Was hast du jetzt vor?«
»Ich … ich weiß es nicht, Jess. Und ich …« Ihm blieben die Worte im Mund stecken. Er konnte ihr nicht von den Schulden erzählen.
»Hast du denn schon von allen Bewerbungen eine Absage?« Ihre Stimmlage war fürsorglich.
»Ne, ich glaub’, die Mühe machen die sich gar nicht«, kicherte er verzweifelt.
»Wir könnten wegziehen. Berlin stinkt sowieso. Und ich finde woanders sofort eine Stelle. Hamburg ist schön, das könnte ich mir gut vorstellen. Oder zurück nach Mainz, zu meiner Familie. Also natürlich nicht zu meiner Familie, aber eben in die Nähe, weißt du?« Enthusiastisch grinste sie ihn an.
Robert hätte sicherlich Schwierigkeiten ihn in die Finger zu bekommen, wenn sie aus der Stadt verschwanden.
»Ja, keine Ahnung. Ist vielleicht keine schlechte Idee. Hamburg ist groß, da gibt es bestimmt eine Stelle für mich.«
»Genau! Schau doch mal in Hamburg nach einem Job. Oder Darmstadt. Wir finden schon was.«
Ungläubig schaute Sam in ihre Augen, die beinahe Freude auszustrahlen schienen.
»Warum gibst du dich eigentlich mit mir ab?«, fragte er kopfschüttelnd.
»Ach, Dummerchen …«, sie tätschelte seinen Kopf während sie aufstand. »Ich liebe dich doch. Und du schuldest mir ordentlich Geld, dass krieg ich nur zurück, wenn ich dich wieder ans Schuften bekomme.«
Frech grinsend verschwand sie in die Küche, nicht ohne zu rufen: »Soll ich dir ein Sandwich machen?«

Mit begrenztem Enthusiasmus begann Sam nach Stellen in anderen deutschen Großstädten zu suchen. Köln, Hamburg, München, es mangelte nicht an Möglichkeiten. Er schrieb die gleichen Texte angehängt an den immer gleichen Lebenslauf und erfüllte so die geforderten drei Bewerbungen pro Tag spielend. Kurz danach wurde die erste Rate an Robert fällig und die Bank buchte Dispozinsen ab – damit war sein Limit ausgereizt. Neben den Schulden bei seinem Buchmacher und der Bank, stand er auch bei dem Onlineportal auf dem er sonst zockte fast tausend Euro tief in den roten Zahlen. Ihm stand das Wasser bis zum Hals und der nächste Monatsanfang würde sein Ruin werden.
Kaum drei Euro in der Tasche, versetzte er seinen Laptop beim Pfandleiher. Mit den sechzig Euro konnte er einen sehr schönen Tag im Spielsalon verbringen, der ihm zumindest etwas von seinem Stress abnahm. Im Portemonnaie war er genauso weit wie vorher.
Als er an dem Abend Jessica erzählte, das Notebook habe einen Defekt gehabt und er hätte es zur Reparatur gebracht, fing er sich eine Standpauke ein, weil er sein Bewerbungssoll nicht erfüllt hatte. Ihm fiel auf, dass Jessica zuletzt immer stärker zwischen liebevoll und führsorglich auf der einen, und herrisch und garstig auf der anderen Seite schwankte. Hätten ihn nicht so große eigene Probleme geplagt, er hätte sich bestimmt mit diesem Rätsel beschäftigt. Aber er begnügte sich damit, die angenehmen Momente zu genießen, die sie ihm schenkte.

Es war bereits der Zehnte des Monats, Jessica wurde etwas misstrauisch, weil der Laptop nicht aus der Werkstatt kam und auch der teure DeLonghi-Kaffeevollautomat kaputt gegangen war – Sam hatte einen strategischen, übergroßen Kaffeefleck hinterlassen, um die Geschichte zu verkaufen – als er einen Anruf bekam.
Eine glückliche Fügung, denn noch am Morgen hatte er mit dem Gedanken gespielt, sein Handy zu versetzen.
»Guten Tag, spreche ich mit Herrn Neuhaus?«, die Frauenstimme hatte einen Akzent, Sam tippte auf Spanisch.
»Ja, am Apparat«
»Bonito. Mein Name ist Tatiana Perez und ich rufe im Namen der Aul Kurklinik an. Sie haben sich vor einigen Wochen bei uns auf eine Stelle als Physiotherapeut beworben.«
Mit ihrer niedlichen Aussprache klang vor allem das Wort ›Physiotherapeut‹ sehr lustig.
»Ähm, ja … ja, natürlich.«
»Ich würde gerne einige Fragen mit Ihnen klären, passt es Ihnen gerade oder sollen wir einen Termin machen?«
Sam traute seinen Ohren kaum. Jetzt durfte er keine Fehler machen. »Nein, jetzt passt es sehr gut. Bitte, fragen Sie, was Sie möchten.«
Im Hinterkopf begann er zu überlegen, welche Geschichten gut über seine fristlose Kündigung hinweg täuschen könnten.
»Ihrem Lebenslauf entnehme ich …«
Die nächsten fünfzehn Minuten löcherte ihn die Spanierin mit typischen Fragen. ›Teamgeist‹, ›Arbeitseifer‹, ›Pünktlichkeit‹ und natürlich ›Serviceorientierung‹ waren immer seine großen Stärken wenn jemand fragt. ›Ein großer Wille zur Perfektion‹ und ›bedingungslose Ehrlichkeit‹ seine Schwächen. Fast alle Antworten kannte er auswendig. Solche Gespräche waren wie für ihn gemacht. Wenn man professionell Bewerber sein könnte, er würde Millionen verdienen. Blöderweise muss man hinterher auch arbeiten, wenn man die Stelle dann hat.
»Das klingt wirklich gut, Herr Neuhaus«, sagte sie schließlich. »Darf ich fragen, wie Sie auf unser Haus aufmerksam geworden sind?«
Er konnte sich nicht im Geringsten an die Klinik erinnern. »Ja, natürlich. Ich habe die Stelle im Internet gefunden, auf einer Jobbörse.«
»Dann hat sich das also doch gelohnt. Unser Geschäftsführer wollte erst keine Anzeige im Internet. Der Mann ist schon etwas betagt, wissen Sie. Lassen Sie mich kurz etwas von unserer Klinik erzählen …«
Sie fuhr in einem, kaum durch Rückfragen unterbrochenem, Monolog fort, die Kurklinik Aul anzupreisen. Sie läge zwar etwas abseits, aber dafür landschaftlich wunderschön. Gut ausgebildete Pfleger und Therapeuten. Mehrere Ärzte mit tollen Titeln. Eine hervorragende Küche – nicht nur für die Patienten. Blablabla. Sie hätte ihm lieber einen Link zum Werbevideo schicken sollen, aber so wie sie vom Geschäftsführer sprach, gab es das wohl kaum. Und er hätte es sich nicht angesehen.
»Haben Sie noch Fragen?«, endete ihr Redeschwall schließlich.
»Wie geht es denn jetzt weiter?«, wollte Sam wissen.
»Wir wissen, wie umständlich so ein Bewerbungsprozess sein kann. Deswegen hat mich unser Geschäftsführer autorisiert, ihnen sofort ein Angebot zu machen, wenn ich mit dem Verlauf des Gesprächs zufrieden bin.«
Sie räusperte sich und Sam kniff zweifelnd die Augen zusammen.
»Und das bedeutet?«, bohrte er nach.
»Herr Neuhaus, ich würde Sie gerne als neuen Physiotherapeuten bei uns in der Klinik begrüßen dürfen.«
»Sie verarschen mich.«
Sie musste ihn einfach verarschen.
»Nein, nein. Bitte, ich meine es ernst. Die Stelle muss dringend besetzt werden und Sie haben genau das richtige Profil. Sie können natürlich darüber schlafen, keine …«
»Ist das Ihr ernst? Aber, wir haben doch noch … was … wieviel verdiene ich dann überhaupt?«
»Die Stelle ist mit fünftausend brutto monatlich dotiert. Allerdings gehen achthundert davon ab für Kost und Logis im Haus.«
»Kost und Logis?« Sam schwirrte der Kopf. Was passierte hier?
»Sie können natürlich auch versuchen eine Wohnung im Dorf zu finden, aber das ist wirklich schwierig und lohnt sich vermutlich nicht.«
»Wieso … Dorf? Ich will in der Stadt wohnen«, stellte er fest.
»Die nächste Stadt wäre Chur, aber das ist ein wirklich weiter Weg, den wollen sie nicht jeden Tag den Berg hinauf nehmen.«
Chur? Berg? Mit wem sprach er da überhaupt?
»Entschuldigen Sie, Frau Perez, wo genau befindet sich die Kurklinik Aul?«
»Am Südhang vom Piz Aul, westlich vom Dorf Falsch im Schweizer Kanton Graubünden. Ich dachte Sie hätten sich bewusst bei uns beworben?«
»Ich … ähm … nein, ich meine …«, stammelte er. »In der Schweiz? Ich dachte … ich hätte mich nur auf Stellen in Deutschland beworben.«
»Oh, Dios mio. Das tut mir sehr leid, dann habe ich Ihre Zeit verschwendet. Wir haben bezahlte Anzeigen aufgegeben, die werden auch angezeigt, wenn der Kanton sonst nicht in der Suche dabei wäre. Ich dachte, sie wüssten wo die Klinik steht. Es tut mir unendlich leid. Auf Wiederhören.«
Sie wollte auflegen, aber Sam kam noch rechtzeitig zur Besinnung. »Nein, halt, warten Sie! Würde ich die Stelle trotz des Irrtums bekommen?«
»Si, natürlich. Wenn Sie bei uns arbeiten wollen.«
»Viertausend zweihundert monatlich? Schweizer Franken nehme ich an?«
»Si«, gab sie knapp zurück.
»Wann kann ich anfangen?«

Als Jessica später von der Arbeit kam, wartete Sam mit einem Strauß Blumen auf sie. Nur drei Euro Blumen aus dem Supermarkt, aber die Geste zählte. Sein Grinsen ging von einem Ohr zum anderen.
»Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht,« begann er.
Sie nahm die Blumen entgegen, roch kurz daran und schaute ihm dann erwartungsvoll in die Augen.
»Und?«
»Die gute Nachricht ist, ich habe eine Stelle, schon ab nächsten Monat und gut bezahlt.«
Jetzt spiegelte sie sein Lächeln wider. »Und was ist die gute Nachricht?«, witzelte sie.
»Es ist in der Schweiz, ziemlich auf dem Berg.«
Sie nickte verhalten. Sam wurde daraus nicht schlau. »Setz dich«, sagte sie während sie selbst auf der Couch Platz nahm. »Ich muss dir auch etwas erzählen.«


Die Frage ist natürlich offensichtlich: Was will Jessica ihm erzählen?

Jessica will mit Sam reden, weil ...

  • ... sie bereits einen Neuen hat und froh ist, von dem Lügner weg zu sein. (71%, 5 Stimmen)
  • ... sie schwanger ist und mit Sam an das Ende der Welt zieht. (29%, 2 Stimmen)

Stimmen: 7

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