Fortsetzungsnovelle Stimmen: Monat 3 – Alpenpanorama

Heute geht es nahtlos weiter mit unserer Novelle. Jessica hat also einen anderen, wie ihr wünscht.
Die Umfrage für diesen Monat läuft bis zum 30.09., 23:59 Uhr. Stimmt fleißig ab!


»Er heißt Reinhard, du hast ihn auf der Weihnachtsfeier meiner Firma gesehen.«
Fassungslos schüttelte Sam den Kopf. »Reinhard? Das klingt als wär der Kerl Vierzig.«
Verschämt nickte Jessica bevor sie antwortete. »Er ist dreiundvierzig Jahre alt. Und er lügt nicht unentwegt wie gedruckt. Was man von dir nicht behaupten kann.«
Das war zu viel. Sam konnte nicht fassen, dass Jessica ihn schon seit Wochen betrog und belog und jetzt ihm vorwarf ein Lügner zu sein. Er stand auf, schlurfte hinüber zur Tür und zog sich seine Schuhe an. Während er den Reisverschluss der Jacke zu pfriemelte, warf er ihr einen böse Blick zu.
»Das war es also, ja? Ich gehe in die Schweiz und du ziehst zu Reinhorst?«
Er wusste noch nicht wohin er gehen wollte, aber egal was sie sagen würde, nach ihrem nächsten Satz sollte sein großer, demonstrativer Abgang kommen.
»Also, eigentlich … zieht Reinhard hier ein. Bis wann kannst du ausziehen?«
Kacke.

Als er endlich aus der Endlosschleife ausbrach, die seine Gedanken seit dem Verlassen der Wohnung gedreht hatten, fand er sich im Eingangsbereich seiner Lieblingsspielhalle wieder. Wie war er hier hergekommen? Egal, ein paar kleine Spiele würden seinen Geist wieder auf Vordermann bringen. Rasch zog er aus den Taschen was er an Barschaft mit sich führte.
Vierundsiebzig Cent. Vier und Siebzig. Das war ein Tiefpunkt, keine Frage. Von seinem Konto konnte er nichts holen, viel für den Pfandleiher war auch nicht übrig. Er schmunzelte bei dem Gedanken, dass Reinhold ewig auf die Rückkehr des Kaffeeautomaten warten durfte. Was blieb ihm noch? Seine goldene Gans hatte sich geschlachtet, oder besser, hatte sich von einem Mitt-Vierziger schlachten lassen. Ihm musste eine neue Möglichkeit einfallen an Geld zu kommen.
Eigentlich war da eine – bloß 800 Kilometer entfernt.
Die Thekendame, ihm fiel der Name nicht ein, starrte ihn an. Kein Wunder, immerhin stand er wie ein Depp im Eingang rum. Weiterhin in Gedanken schlurfte er zum nächsten zwanzig Cent Automaten hinüber, warf eine Münze ein und drückte den Knopf für das Spiel. Während die Maschine ratterte und sein letztes Geld zerschredderte, holte er sein Handy hervor und begann zu suchen.
Sekunden später blinkte der Automat frenetisch. Das Spiel war vorbei, das Geld fort, wie schon tausend Mal zuvor. Gelangweilt, automatisch, fingerte er die nächste Münze mit der linken Hand raus und in den hungrigen Schlitz.
Das billigste Ticket, ein Last-Minute-Ticket von Berlin nach Zürich, kostete 33,99€. Eigentlich ein Spottpreis, aber gerade völlig außer Reichweite. Vielleicht konnte er Jessica anpumpen … doch was blieb dann noch von seinem Stolz? Hatte er noch welchen?
Wieder begann die traurige Lichtshow, die der Automat immer aufführte, wenn Sams Geld verloren war. Sofort hatte er die letzte zwanzig Cent Münze in der Hand, bereit sie in den Automat zu werfen. Sein Blick traf die Münze in der sich die roten und blauen Lichter des Spiels spiegelten.
Wie hatte es so weit kommen können? Dass er seinen Job verloren hatte, klar, das war ärgerlich. Aber auch nicht das erste Mal. Das er mehr Geld verspielt hatte als er besaß, das war neu. Und jetzt hatte er auch noch Jessica verloren. Natürlich war die Frau manchmal nervig. Ein Kontrollfreak. Aber sie hatten sich geliebt und jedes Mal, wenn er etwas für sie getan hatte, war ein wohliges Gefühl in ihm aufgekommen. Jetzt war das vorbei und er kurz davor seine letzten, wirklich letzten Cents in eine Maschine zu werfen die noch nie etwas für ihn getan hatte. Langsam zog Sam seine Hand zurück und hielt die Münze ganz nah an sein Gesicht.
›Es muss sich etwas ändern‹, ging es ihm durch den Kopf.
Nachdem er eine ganze Weile in wilden Gedanken versunken gewesen war, seufzte er lang und steckte die Münze wieder ein.

Zu seinem Glück schlief Jessica bereits, als er nach Hause kam. Sam verschwendete keine weitere Zeit, packte all seine Sachen zusammen und entschied was er wirklich brauchte. Ein wenig mulmig wurde ihm, als er realisierte, dass sein Leben problemlos in einen großen Reisekoffer passte. War so wenig von ihm übrig? Was er nicht brauchte, beschloss er zum Second-Hand-Shop zu bringen. Das brachte ihm leider nur knapp zwanzig Euro, also verkaufte er schweren Herzens auch sein Handy für einen Fuffi. Spät abends konnte er nicht wählerisch sein. Von seinem ersten Gehalt würde er sich ein Neues kaufen können. Das neuste Modell sogar – würde ein echtes Upgrade.
Ohne sich von Jessica zu verabschieden, machte er sich mit seinen Sieben Sachen auf den Weg zum Busbahnhof.

Die nächsten dreizehn Stunden verbrachte Sam in einem mäßig gemütlichen Reisebus. Seine Barschaft war gewaltig geschrumpft – das Busticket war fünf Euro teurer gewesen, als das Internet behauptet hatte und ein Wasser hatte er sich auch geholt – aber er war auf dem Weg in ein neues Leben. Es war inzwischen spät nachts, dennoch wollte er kaum schlafen. Wilde Gedankenfetzen, Wut auf Jessica und Reinhans, Angst vor der neuen Welt in die er ohne Rückfahrschein fuhr und Sorgen von dem schmierigen Kerl drei Reihen weiter vorne beklaut oder angetatscht zu werden, hielten ihn wach. Irgendwo zwischen Bayreuth und Ingolstadt übermannte ihn die Müdigkeit und er wachte erst wieder auf, als der Bus bereits durch eine Berglandschaft rumpelte.
Bevor er sich’s versah, stand er in Zürich am Hauptbahnhof.
Die Sonne stand hoch, es war gerade Mittag, und die fremde Großstadt sprühte vor Leben. Irgendwie hatte er sich die Schweiz weniger geschäftig vorgestellt, die Leute hier für … langsamer gehalten. Tatsächlich erschien ihm Zürich auf den ersten Blick nicht viel anders als Berlin. Abgesehen von den riesigen Bergen die im Hintergrund auszumachen waren.
Leider hatte sein Plan nicht viel weiter gereicht als bis hierher. Übermüdet schleppte er sich mit seinem Reisekoffer bis zum Bankschalter am Bahnhof, so er seine letzten dreißig Euro in Franken umtauschte und begann sich nach dem Weg zur Stadt Chur zu erkundigen, von der Frau Perez gesprochen hatte. Von dort musste er nach Falsch kommen.
Ziemlich schnell wurde klar, dass eine Bahnfahrt seine Mittel überstieg. Es fuhr auch ein Fernbus nach Chur – allerdings erst wieder spät abends. Die Hälfte seines Restgeldes würde auch dafür drauf gehen. Lust fehlte ihm ebenso, sich wieder in eine abgelederte Sitzschale zu quälen. Also beschloss er sein Glück als Anhalter zu versuchen.
Die Schweizer hielten lange Zeit Abstand. Vermutlich machte ihnen der riesige Reisekoffer Angst. Nach fast zwei Stunden hatte endlich ein älteres Ehepaar Mitleid. Sie nahmen ihn in ihrem alten Mercedes bis Mels mit, bloß noch fünfundzwanzig Kilometer von Chur entfernt. Vom Rastplatz an dem ihm die Alten rauswarfen kam er schneller weg. Schon nach wenigen Minuten öffnete ein glatzköpfiger Kerl mittleren Alters ihm die Tür. Leider war der Mann sehr redselig und gleichzeitig nachlässig bei der Körperhygiene. So fühlte sich das kurze Stück bis Chur wie eine kleine Ewigkeit an.

Als sich Sam vom Quasselstinker verabschiedete, entfaltete sich um ihn herum ein unglaubliches Bergpanorama. Noch nie in seinem Leben hatte Sam die Alpen gesehen und der Anblick warf ihn um. Gigantische grüne Wellen, durchbrochen von tiefhängenden weißen Schwaden und kontrastiert mit himmelhohen leuchtenden Spitzen.
Das Örtchen Chur hingegen enttäuschte ihn. Natürlich, die Häuser waren hübsch und die Gassen niedlich, aber ›Stadt‹ hätte er diese kleine Sammlung von Gebäuden nicht genannt.
Es kostete ihn einige Zeit, inzwischen war nach vier, bis er herausgefunden hatte, dass es noch weitere sechzig Kilometer bis ›Falsch‹ waren. Wenig überraschend wurde der Ort ganz anders geschrieben, nämlich ›Vals‹. Kein Wunder, dass er dazu nichts im Internet hatte finden können.
Einen Bus gab es zwar, aber der war heute schon gefahren und das Ticket konnte er sich auch nicht leisten. Daher begnügte er sich mit einem überteuerten Sandwich aus dem Supermarkt und einer Cola, und brachte dann den alten Daumen wieder zum Einsatz.
Zwar sprachen ihn immer wieder Leute an, aber in die Richtung konnte ihn niemand mitnehmen, so dass sich Sam schon mit der Übernachtungsfrage befasste, als schließlich ein kleiner Renault Twingo hielt. Am Steuer saß eine beleibte Dame von mindestens siebzig Jahren.
»Wohin willst du denn? Ist doch schon spät.«, ihre Stimme erinnerte Sam an eine gutmütige Großmutter.
»Ich muss nach Vals.« Sam versuchte den Namen auszusprechen, wie er geschrieben wurde.
Sie kicherte.
»Du meinst Falsch mein Junge, das musst du noch lernen. Ich wohne da, ich kann dich mitnehmen. Aber den schweren Gufärä wirst du alleine hinten verstauen müssen.«
Sam zögerte nicht, hievte seinen Reisekoffer in den kleinen, dreckigen Kofferraum und schwang sich auf den Beifahrersitz.

Gretl, wie sie sich vorstellte, war tatsächlich fast achtzig Jahre alt und lebte schon seit ihrer Geburt in Vals. Während der fast eineinhalbstündigen Fahrt unterhielten sie sich über die Schweiz, das Leben und wie man ›Falsch‹ richtig aussprach. Erst als sie schon fast am Ziel waren, kam das Gespräch auf Sams eigentliches Ziel.
»Nun sag aber Junge, was treibt dich eigentlich nach Vals? Eine neue Anstellung hast du gesagt?«
Sam räusperte sich bevor er antwortete: »Ja, ich fange als Physiotherapeut in der Kurklinik Aul an.«
Für den Bruchteil einer Sekunde verriss Gretl das Lenkrad. Instinktiv griff Sam nach dem Haltebügel über sich und biss die Zähne aufeinander. Bisher war sie tadellos, etwas langsam höchstens, gefahren.
»Was war das?«, fragte er als klar war, dass Gretl wieder anständig fuhr. »Alles in Ordnung bei dir?«
»Ja … nichts … es ist nichts«, gab sie stockend zurück. »Die Kurklinik also? Dann musst du aber noch ein gutes Stück den Berg hinauf, mein Sohn.«
»Stimmt etwas nicht mit der Klinik?« Natürlich war Sam misstrauisch geworden. Andererseits waren Dorfbewohner in den Bergen traditionell abergläubisch – so wurden sie in den Filmen immer dargestellt.
»Ach, weißt du mein Junge … es ist wahrscheinlich nichts, aber die Kurklink auf dem Piz Aul macht schon seit fast fünfundzwanzig Jahren von sich reden. Niemand aus dem Dorf arbeitet dort. Vermutlich niemand aus der ganzen Schweiz, verstehst du? Und wer die Patienten sind, das weiß auch niemand.« Ihre letzten Worte unterstrich sie mit einem mysteriösen Blick zu Sam.
»Die Gäste kommen doch durch Vals, oder hab ich das falsch verstanden?«
Sie nickte. »Schon, aber die Patienten kommen und gehen in verdunkelten Wagen mit verdunkelten Fenstern in verdunkelten Nächten. Direkt aus Zürich oder Gott weiß woher. Niemand hat jemals einen mit eigenen Augen gesehen.«
Mit leicht mulmigem Gefühl schaute Sam aus dem Fenster. Die Abendsonne warf ihre letzten Strahlen über die Gipfel und beleuchtete die Flanken der hohen Berge. Der Kontrast zwischen Licht und Schatten unterstrich die Magie dieses mächtigen Gebirges.
»Naja, ich nehme an, sie werden mir die Gäste zeigen müssen«, scherzte Sam, »immerhin soll ich sie massieren.«
»Bestimmt sogar«, kicherte Gretl gekünstelt.
Die letzten fünfzehn Minuten ihrer Fahrt verbrachten sie schweigend. Gretl ließ ihn am Ortsende heraus, direkt vor dem Weg der hinauf zur Kurklinik führte. Sam bedankte sich ausgiebig von der alten Dame und sicherte zu, ab und an in das Dorf zu kommen und von den geheimnisvollen Gästen zu berichten. Erstaunlicherweise wirkte Gretl nicht angetan von dem Angebot. War sie doch nicht so neugierig?
Während die Dämmerung hereinbrach machte er sich an den beschwerlichen Aufstieg – was blieb ihm anderes übrig. Nach einer guten halben Stunde, in der er vor lauter Bäumen kaum die Berge hatte sehen können, kam er an eine lange Mauer, durchbrochen von einem schweren, straßenbreiten Tor. Eine kleine Gegensprechanlage lud zum Klingeln ein.
»Ja?«, ertönte eine ärgerliche Stimme.
»Guten Abend, Samuel Neuhaus hier. Ich bin der neue Physiotherapeut.«
»Wer? Neuhaus? Hier arbeitet kein Neuhaus«, kam die unwirsche Antwort.
»Ich bin ja auch neu, ich fange erst noch an.«
Er hörte wie die Verbindung unterbrochen wurde. Sein Gegenüber hatte einfach aufgelegt. Sam fackelte nicht lange und klingelte Sturm. Es dauerte länger bis abgenommen wurde.
»Hör zu, Dorfdepp, zieh Leine sonst werf’ ich vom Piz.«
»Sie verstehen nicht. Fragen sie Frau Perez, die hat mich eingestellt.«
»Du kleiner Saftsack glaubst doch nicht, dass ich jetzt für dich die Perez herschleif’, oder? Wenn die dich eingestellt hätte und die hier rein dürftest, wärst du auf der Liste. Biste nicht, ende.«
Sam wurde ein riesiges Problem in seiner ganzen, spontanen Flucht aus Berlin klar – er hatte sich nicht in der Klinik angekündigt. Ja, Frau Perez hatte ihm zugesagt, dass er sofort anfangen könnte. Doch von seiner Anreise wusste sie nichts. Wer konnte schon ahnen, dass man ihn am Tor abweisen würde?


Wird man Sam in die Klinik lassen?

  • Natürlich, das klärt sich alles. (70%, 7 Stimmen)
  • Auf keinen Fall! Da könnte ja jeder kommen. (30%, 3 Stimmen)

Stimmen: 6

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