Fortsetzungsnovelle Stimmen: Monat 4 – Professor Unterbruch

Der vierte Teil der Novelle ist ein bisschen länger geworden, als die bisherigen Teile. Aber nur ein paar Seiten.
Denkt daran am Ende abzustimmen: Wie entscheidet sich Sam? Die Umfrage läuft bis zum 31.10.


Professor Unterbruch

»Hören Sie, es ist kalt, kennen Sie denn kein Mitleid? Lassen Sie mich hinein, dann klärt sich alles auf.«
»Hartnäckig, wie?«, raunte Sams Gesprächspartner zurück. Immerhin hatte er nicht wieder direkt aufgelegt. »Ich kann dich trotzdem nicht reinlassen.«
Plötzlich lachte jemand im Hintergrund. Sam hörte leise Worte. »Nun lass den Buben endlich rein, Gerd.«
Dann lachte auch der Mann an der Gegensprechanlage. »Na gut.«
Ein surren Erklang und Sam konnte das Tor aufdrücken. Vor ihm lag nun ein schummrig beleuchteter Weg der sich zwischen hohen Bäumen weiter den Berg hinauf wand. Hinter ihm fiel das Tor fast lautlos ins Schloss. Ungläubig warf Sam einen Blick über die Schulter. Was war da gerade passiert? Ein scharfer Wind pfiff durch die Bäume und ließ ihn erschaudern. Es spielte keine Rolle, er wollte jetzt nur noch in ein Bett fallen und folgte dem Weg.
Nach ein paar Minuten erreichte er ein kleines Pförtnerhaus und konnte dahinter endlich die Klinik sehen. Der Bau sah edel aus, richtig herrschaftlich, nach Geld und Alter. Unvermittelt trat ein kleiner, untersetzter Mann mit Glatze und grauem Schnurrbart aus dem Pförtnerhaus.
»Entschuldige den Spaß, Kleiner.«
Die Stimme gehörte zu dem Mann, der ihn am Tor hatte versauern lassen.
»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Sam leicht genervt.
Der Mann rieb sich kichernd den Bauch. »Ich bin der Gerd. Wer so spät kommt, muss damit rechnen, dass er etwas warten muss.«
»Kann ich jetzt rein, oder was?«
Anstatt zu antworten warf Gerd ihm etwas zu. Im Halbdunkel reagierte Sam zu langsam, metallisch landete das Objekt auf dem Boden. Umständlich bückte er sich und hielt dann einen modernen Schlüssel in der Hand. Fragend sah er zu dem Pförtner hoch.
»Damit kommst du da hinten in Haus C, links neben der Klinik. Dein Zimmer ist im ersten Stock, Nummer 113. Wenn du mal was brauchst, komm ruhig zu mir.«
Dann machte er kehrt und ging wieder zum Pförtnerhaus. Sam sah ein junges Gesicht verstohlen aus dem Türrahmen spähen und ruckartig verschwinden, als sich ihre Blicke trafen. Seltsame Leute waren das. Er folgte der Beschreibung, fand bald auch ein großes Hinweisschild, das die verschiedenen Häuser auswies. Er folgte dem sauber gepflasterten Weg bis zu einer schmalen, steilen Treppe. Das Haus C lag etwas bergab an einem Abhang und wirkte am schlecht beleuchteten Berghang wie eine kleine Kopie des großen Hauptgebäudes.
Mühsam quälte sich Sam die Stufen herunter, musste mehrfach nach dem Geländer greifen um sich seines Schrittes sicher zu sein, bis er schließlich vor dem Haus stand. Im Gegensatz zur eigentlichen Klinik hatte dieses Gebäude einen modernen Touch, auch wenn offensichtlich versucht wurde, die Optik zu imitieren.
Im Innern erstrahlte ein schickes Foyer im gleißenden Licht mehrerer Leuchtstoffröhren. Der Vorraum versprühte eine distanzierte Krankenhausatmosphäre, da konnte auch das große Wandgemälde keine Abhilfe leisten. Neben einem breiten Treppenaufgang prangte ein großes Hinweisschild – links die Besprechungsräume A bis C und das Büro der Personalabteilung, rechts die Mensa, Küche und Aufenthaltsraum. Aus dieser Richtung kamen Stimmen, ein Radio dudelte leise. Sam überlegte nicht lange und nahm die Treppe nach oben. Nur Sekunden nachdem er sein Zimmer gefunden und betreten hatte, fiel er bäuchlings auf das Bett und schlief.

Als Sam am nächsten Morgen die Augen öffnete, wollte sein Geist nicht sofort mitspielen. Wo war er? Warum lag Jessica nicht neben ihm? Was war gestern passiert? Schwerfällig kroch er aus dem Bett und schaute aus dem Fenster. Berge, riesige Berge erhoben sich, weiße Gipfel beschienen von einer kräftigen Morgensonne. Die Erinnerung rollte über ihn wie eine Flutwelle und mit ihr die Ernüchterung. Er war am Ende der Welt, allein, ohne Geld, Handy oder einen Spielautomaten.
Es klopfte.
»Öhm … herein?«
Die Tür schwang auf und ein riesenhafter, blonder Kerl um die Dreißig schritt in das Zimmer. »Guten Morgen Samuel! Ich bin Björn, Björn Sneresved! Ich komme aus Swejden!«
Der Lautstärke nach, hatte der Mann seine ›Drinnen‹-Stimme neben einer Kettensäge gelernt. Er grinste Sam unerhört fröhlich an.
»Hi … Woher weißt du wie ich heiße?«, war das Erste, was ihm in den Sinn kam.
»Mick, der Pförtner hat beim Frühstück erzählt, dass du gestern angekommen bist. Und weil du nicht beim Essen warst, dachte ich, ich komm einfach vorbei. Bist du auf dem Weg zum Speisesaal? Noch gibt es was.«
Sam sah an sich herunter. Die Klamotten hatte er jetzt zwei volle Tage an. »Eigentlich … wie spät ist es denn?«
»Zehn Uhr Viertel«, antwortete Björn. »Weißt du wo das Frühstück ist?«
»Ich denke schon«, murmelte Sam.
»Ich komm trotzdem mit«, jubelte Björn. Doch als er näher an Sam herantrat, rümpfte er die Nase. »Es sei denn, du möchtest vorher noch duschen?«

Etwas später führte der große Björn den geduschten Sam zur Mensa und stellte ihn den wenigen Nachzüglern vor, die gerade ihre Mahlzeit beendeten. Susi, die Reinigungskraft, Karsten, der Buchhalter, Natasha, die Hausmeisterin, außerdem Jan und Michael vom Küchenteam. Sie alle sprachen deutsch, obwohl sie aus aller Welt kamen: Polen, Dänemark, Ukraine, Kanada und Österreich. Zugegeben, bei dem Koch Michael aus Wien waren die Deutschkenntnisse eher dürftig, der Mann war kaum zu verstehen, aber ansonsten war Sam wirklich beeindruckt.
Das kleine Buffet hatte Hotel-Niveau, der Kaffee war auch recht ordentlich und wie ein altes Radio spulte der blonde Schwede jede Menge Kleinkram über die anderen Angestellten, die Klinik und die Arbeit ab. Ohne viel auf das zu geben, was Björn ihm erzählte, schlang Sam das Frühstück in sich hinein. Als er seinen ersten Hunger gestillt hatte, unterbrach er den Mann in seiner Erläuterung der hervorragenden Massageliegen:
»Sag mal, finde ich eigentlich die Perez im Personalbüro?«
»Perez?«, überlegte Björn. »Perez … Perez … Ah! Ja!«
Da war sie wieder, die ›Drinnen‹-Stimme für Presslufthämmer.
»Du meinst Tati«, fuhr er etwas sanfter fort. Immer noch laut, aber sanfter. »Tati ist gleich da drüben in ihrem Büro, ganz bestimmt. Soll ich dich hinbringen?«
»Danke, nicht nötig. Musst du nicht zu einem Gast oder so? Arbeiten?«
Schallend lachend, holte Björn mit seinem langen Arm aus und hieb Sam auf die Schulter. Der ›Klopfer‹ hätte ihn fast aus dem Stuhl gerissen.
»Sicher, mein Freund, sicher. Aber doch erst um Elf Uhr halb, hab ich doch gerade erzählt. Jetzt habe ich noch etwas frei.«
»Dann genieß die Freizeit. Trink einen Kaffee auf meine Rechnung, ok?« Sich die schmerzende Schulter reibend, stand Sam auf und zwinkerte dem Schweden zu.
»Der Kaffee ist umsonst, den müssen wir nicht bezahlen«, rief Björn ihm nach, doch Sam winkte nur freundlich.

»Pasa! … Herein.«
Sam öffnete die Tür zum Büro der Personalabteilung und trat ein. Hinter einem übergroßen Schreibtisch saß eine kleine Spanierin.
»Si, si, Herr Neuhaus. Sehr gut, dass Sie gekommen sind. Setzen Sie Sich doch bitte.«
Sie deutete auf einen Stuhl in der Ecke. Sam zog ihn heran, setzte sich direkt vor den Schreibtisch. An der anderen Seite stand noch ein zweiter Tisch, genauso voller Unterlagen wie der von Frau Perez, aber mit verwaistem Stuhl dahinter.
»Ich nehme an, Sie sind Frau Perez?« Sam hielt seine Hand über den Tisch. Die Personalerin schüttelte die Hand enthusiastisch.
»Si, natürlich. Ich wollte mich schon auf die Suche nach Ihnen machen, aber Sie sehen ja …«, dabei gestikulierte sie vage über den Tisch. »Es tut mir sehr leid, dass wir nicht vorbereitet waren, Sie in Empfang zu nehmen. Offenbar habe ich Ihre Mitteilung, wann Sie eintreffen nicht erhalten. Zum Glück hatte ich schon alles vorbereitet.«
»Meine Mitteilung«, echote Sam gedehnt. »Ja, das erklärt einiges. Ich hatte mich gestern schon sehr gewundert.«
»Wie gesagt, es tut mir wirklich leid. Dafür habe ich jetzt hier einige Unterlagen, die Sie unterschreiben müssten.« Sie sortierte einige Blätter und reichte sie über den Tisch, zusammen mit einem Kugelschreiber. »Bis zu Ihrem ersten Tag wohnen Sie natürlich kostenfrei in Ihrem Zimmer. Sie haben ja noch fast zwei Wochen Zeit bis zum Monatsanfang.«
»Heißt das … ich muss nicht arbeiten? Erst am Ersten?« Sam schaute ungläubig von den Zetteln auf, die er gerade unterschrieb.
»Si, Ihr Vertrag fängt dann erst an. Aber wenn Sie Björn Sneresved entlasten wollen – er ist unser anderer Physiotherapeut, wissen Sie – dann freut er sich sicher. Er wird Ihnen alles zeigen in den Behandlungsräumen und wo Sie was finden.«
»Björn«, murmelte Sam zu sich selbst, »war ja klar.«
Dann hob Frau Perez plötzlich den Finger.
»Momento! Bevor ich es vergesse, ich …« Die Spanierin ließ den Satz unvollendet, griff stattdessen hastig nach dem Telefonhörer und wählte. Gedämpft konnte Sam das Freizeichen hören, genau wie das männliche ›Ja?‹ als jemand abnahm. Dann drehte sich Frau Perez mit ihrem Stuhl herum und er hörte nur noch sie.
»Hola, hier ist Tatiana Perez … Si, Herr Neuhaus sitzt bei mir … SiSi, ich sage es ihm. Adios
Der Stuhl wirbelte herum, und während sie auflegte, grinste sie Sam breit an. »Sie haben einen Termin beim Professor.«

Bei Tageslicht sah man die Unterschiede zwischen dem Gebäude für die Angestellten und dem Hauptgebäude der Klinik viel deutlicher. Das riesige Haus A war mehr als eine Villa oder sowas, vielmehr erinnerte ihn die Klinik an ein Schloss. Dahinter standen zwei kleinere Gebäude – B und D, der Schreihals hatte sie erwähnt. Auf dem Weg zum Hauptgebäude kamen Sam an diesem Morgen eine Menge Menschen entgegen, der Optik nach alles Patienten. Die meisten trugen dicke Bademäntel, alle spazierten gemächlich durch den parkähnlichen Vorplatz. An einem Steintisch saßen zwei Männer, einer davon im Rollstuhl, und spielten Schach. Mit den Bergen und Bäumen im Hintergrund, breitete sich Frieden aus. Jeder dem Sam begegnete, grüßte freundlich, hob kurz die Hand und lächelte. Sam tat es ihnen gleich.
Im Inneren erstrahlte die Klinik wie ein Palast. Das Foyer war riesig, ein Springbrunnen plätscherte in der Mitte und der Empfangstisch kam eher einem Edelhotel gleich als einem Krankenhaus. Sam war noch nie in einem Kurhotel gewesen, aber wenn die alle so aussahen, verstand er jetzt, warum sich Hinz und Kunz auf Kur schicken ließen.
Die Perez hatte ihn zum Büro des Klinikleiters geschickt, Haus A, fünfter Stock. Sie hatte ihm aufgetragen, zunächst den Aufzug bis in die Vierte zu nehmen. Dort würde er dann einen Treppenaufgang zu seiner Rechten finden, der ihn nach oben bringen würde. Wirklich verstehen konnte Sam die seltsame Anweisung erst, als er sich im Fahrstuhl befand. Die Knöpfe für das Erdgeschoss bis in die vierte Etage waren frei zugänglich, aber um in die fünfte und sechste oder eines der drei Untergeschosse zu kommen, brauchte man Schlüssel. Jede dieser Etagen hatte ihr eigenes Schlüsselloch. Das war sicherlich eine Maßnahme um die Gäste daran zu hindern, quer durch das Gebäude zu streifen.
Sam war es einerlei, er fuhr in den vierten Stock, stieg aus, hielt sich rechts, bis er zu einem Treppenhaus kam und nahm die Stufen hinauf. Die Treppe endete in einem Absatz, weiter rauf ging es nicht, und vor ihm lag eine hochmoderne Sicherheitstür. Er drückte den Knopf an der kleinen Gegensprechanlage. Wie gestern.
»Ja?«, erklang diesmal eine Frauenstimme.
»Äh, ja, hallo, Sam Neuhaus hier. Ich soll zum Herrn Direktor.«
Zur Antwort erklang ein Surren und er konnte die Tür öffnen. Dahinter öffnete sich ein Flur, nicht unähnlich denen tieferer Etagen und gegenüber dem Aufgang stand eine junge Asiatin hinter einer großen Theke und warf ihm einen strengen Blick zu.
»Hallo, ich bin Sa …«, fing er an, doch sie unterbrach ihn.
»Dritte Tür links. Erst klopfen, dann eintreten.« Dazu untermalte ihr ausgestreckter Finger ihre Worte. Sam verkniff sich jeden weiteren Kommentar und schlenderte zu der benannten Tür. Darauf prangte ein breites Holzschild mit geschwungenen Lettern: ›Professor Doktor Josef P. Unterbruch‹. Sam klopfte kurz und trat ein wie befohlen.
»Herr Neuhaus, tatsächlich, Sie haben es geschafft.« Der Professor stand auf und kam mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. Der Mann war alt, uralt. Sein haarloser Schädel war mit dunklen Flecken übersäht, seine faltige Haut erinnerte an Leder und seine Augen hatten einen milchigen Schimmer. Aber er lächelte freundlich mit scheinbar perfekten Zähnen. Vermutlich ein Gebiss.
»Professor Unterbruch, es ist mir eine Freude.« Vorsichtig schüttelte Sam seine Hand, doch der Greis hatte einen überraschend kräftigen Händedruck.
»Ganz meinerseits, tatsächlich. Die Nachricht Ihrer nächtlichen Ankunft hat mich überrascht und zugleich erfreut. Wann hat man schon einen Angestellten, der zwei Wochen zu früh zum Dienst erscheint? Setzen Sie Sich, bitte.«
Während der Professor auf seinen Platz zurückkehrte, sah sich Sam im Büro um. Durch aufwändig verzierte Möbel und altertümliche Wandvertäfelung, wirkte der Raum wie aus einem Film von 1850 ausgeschnitten. Der massive Schreibtisch alleine musste eine Tonne wiegen und war mit mehr Schnitzereien bestückt, als Sam je zuvor gesehen hatte. Im Kontrast dazu stand dort ein hoch moderner Laptop am Arbeitsplatz des Professors. Dann fiel seiner Nase auf, dass der Raum künstlich nach Fichte duftete – wahrscheinlich um den ›alte Leute‹-Geruch zu überdecken, der sonst hier herrschen würde.
»Ich hoffe Ihre Reise war angenehm«, sprach Unterbruch weiter, als er sich gesetzt hatte. »Der Weg hinauf zu uns kann anstrengend werden, wenn man die Serpentinen und Klippen nicht gewöhnt ist.«
Zur Antwort lächelte Sam vorsichtig und nickte. Da war etwas Sonderbares an der Stimme des Professors.
»Sie fragen Sich sicherlich, warum ich Sie eingestellt habe, ohne vorher mit Ihnen zu sprechen. Tatsächlich will ich es ihnen erklären. Sehen Sie, ich bin sehr stolz auf Frau Perez. Sie einzustellen war eine hervorragende Entscheidung, sie hat eine herausragende Menschenkenntnis und ich kann ihr voll und ganz vertrauen. Vertrauen ist uns hier sehr wichtig, Herr Neuhaus. Kann ich Ihnen vertrauen?«
Der Professor senkte den Kopf und sah ihn vielsagend an.
»Absolut«, stieß er hervor. Die Stimme und der Blick des alten Mannes flößten ihm unerwartet Furcht ein. Wie konnte der Greis so überlegen wirken?
»Davon bin ich überzeugt. Wissen Sie, unsere Gäste sind wichtige Leute. Diplomaten, Aufsichtsräte, Geschäftsführer und sogar Nobelpreisträger. Wir sind es diesen Menschen schuldig, ihre Privatsphäre zu achten und ihren Aufenthalt geheim zu halten. Natürlich steht es Ihnen frei in Ihrer Freizeit hinunter ins Dorf zu gehen oder mal nach Zürich zu fahren. Aber es ist wichtig, dass Sie kein Wort über unsere Gäste verlieren.«
Wieder stach sein Blick in Sams Herz. Er konnte nur ergeben nicken.
»Ich wusste, Sie würden das verstehen. In dieser Klinik, in diesem Haus, sind wir auf das gegenseitige Vertrauen und unsere Verschwiegenheit angewiesen. Und um Ihnen zu zeigen, dass wir uns aufeinander verlassen können, möchte ich ihnen etwas geben.«
Kurz warf Professor Unterbruch ihm ein Lächeln zu, dann bückte er sich hinter seinem Schreibtisch weg und kam mit einem Schlüssel in seiner Hand wieder hervor. Er hielt das kleine bisschen Metall feierlich nach oben und senkte ihn langsam herunter. Sam war sich gar nicht bewusst, dass er seine Hand ausstreckte um den Schlüssel entgegen zu nehmen. Erst als er die kalte Berührung spürte und das Geschenk in seiner Hand sah, dämmerte ihm, dass der alte Mann ihn völlig eingespannt hatte.
»Ich danke Ihnen für Ihre Zeit. Herr Sneresved wird Sie mit allen weiteren Details bekannt machen und erklären, welche Zugangsrechte Sie mit diesem Schlüssel erhalten haben. Willkommen in der Kurklinik Aul.«
Mechanisch lächelte Sam ihn an, bedankte sich und verließ das Büro. Noch während er den Aufzug nach unten nahm und den Schlüssel in seiner Hand hin und her wog, fragte er sich, was da gerade passiert war.
Aber er vertraute dem Mann.

Den restlichen Tag verbrachte er damit, das Gelände und die Wege zu erkunden, sich die Räume einzuprägen und ein wenig mehr auf die Patienten zu achten. Bei drei oder vier von ihnen meinte er das Gesicht aus den Medien wieder zu erkennen, doch die meisten waren ihm fremd. Einen Namen hatte er zu niemandem.
Er holte sich einen Kaffee, genoss das Alpenpanorama und hatte nach der überhasteten, anstrengenden Reise endlich Zeit zur Ruhe zu kommen. In sich zu gehen. Zu reflektieren.
Er wollte unbedingt spielen.
Ihm wurde bewusst, dass er zwar Jessica vermisste, aber viel mehr noch sehnte er sich nach dem befriedigenden Gefühl einen Spielautomaten rattern zu sehen oder ein Fußballspiel zu verfolgen, auf das er gewettet hatte. Lange versuchte Sam vergeblich den Gedanken abzuschütteln, sich auf etwas anderes zu konzentrieren, doch es half nichts. Zwischendurch spürte er sein Herz rasen, konnte diese seltsame Spannung im Brustkorb aber nicht zuordnen. War er so schwach? Er hätte alles für sein Handy gegeben, nur um Robert anzurufen und auf Amateurfußball zu setzen.
Etwas überrascht fand er sich vor Haus B wieder. Im Grunde eine Art Turnhalle – hier wurden Bewegungstherapien und Gruppensport durchgeführt, außerdem gab es ein kleines Schwimmbad für Ergotherapie im Wasser. Er hatte schon mitbekommen, dass es für dieses Haus drei Therapeuten gab, die nur hier arbeiteten. Verstohlen warf er einen Blick durch das Fenster und sah einen großen Mann, der ziemlich grob mit einer alten Frau umging, deren Gesichtsausdruck völlig leer und deren Augen gruselig milchig waren. Bevor er genauer hinschauen konnte, spürte er einen kräftigen Griff an seiner Schulter.
»Da bist du ja«, grölte Björn in sein Ohr. »Ich hab dich schon gesucht.«
Er zog ihn beiläufig auf den Weg und spazierte mit ihm um das Haupthaus herum während er weitersprach. »Ich hab noch eine kleine Behandlung gleich und dann wollte ich mich mit Sascha und Julia treffen und zusammen ins Dorf wandern. Die beiden kennst du ja noch gar nicht. Da gibt es eine nette kleine Kneipe unten, viele Touristen aus den Skigebieten, aber sonst wirklich nett. Gutes Bier. Wir wollten so um fünf Uhr los, was meinst du, bist du dabei?«


Wie entscheidet sich Sam: Geht er mit Björn und den anderen ins Dorf? In der Kneipe könnte immerhin ein Spielautomat sein? Oder versucht er Björn abzuschütteln und herauszufinden, was in dem Haus B passiert?

Was macht Sam?

  • Er geht mit Björn - die Kneipe hat vielleicht einen Spielautomat (54%, 7 Stimmen)
  • Er schüttelt Björn ab - und versucht herauszufinden, was da vor sich geht (46%, 6 Stimmen)

Stimmen: 8

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2 Kommentare

  1. Sehe ich genau so wie Helga. Wenn Sam auch nur einen kurzen Moment die Idee von der Möglichkeit hat, dass in der Kneipe ein Spielautomat steht, dann geht er mit. Dann ist alles andere vergessen. Dass er gar kein Geld mehr hat, fällt ihm bestimmt erst in der Kneipe wieder ein.

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