Fortsetzungsnovelle Stimmen: Monat 6 – Der Computer

Für die Beantwortung der Frage am Schluss habt ihr diesmal Zeit bis zum 31.12. Ich glaube die Entscheidung diesen Monat wird sehr fundamentalen Einfluss auf Sams weitere Entwicklung haben.
Falls ihr einen Teil verpasst haben solltet, oder zur Sicherheit nochmal von Vorn lesen möchtet, auf der Unterseite zu Stimmen könnt ihr alle bisherigen Teile schnell finden. Jetzt viel Spaß mit eurem 6. Teil:


Mit einem zufriedenen Seufzer ließ sich Sam in dieser Nacht in sein Bett fallen. Gestern waren die Matratze und die Decke nur Stoff und Federn gewesen, die den übermüdeten Reisenden aufgefangen hatten. Jetzt aber fühlte er sich gerade noch wach genug, um die angenehme Wärme und das sanfte Profil seiner neuen Schlafstätte zu würdigen. Den Abend hatte er auch kostenfrei überstanden, ein gelungener erster Tag an der Kurklinik. Rasch schlief er, mit einem seligen Lächeln auf den Lippen, ein.

Leider quälten ihn in dieser Nacht bedrückende Träume, von denen nach dem Aufwachen nur ein dumpfer Nachklang ungewissen Übels zurück blieb. Sam entschloss sich das unangenehme Gefühl in Magen und Knie auf den gestrigen Alkohol zu schieben und die verschwindenden Eindrücke seiner Träume lieber schnell zu vergessen.
Nach einem ausgiebigen Frühstück, bei dem die Mensa vor Leben sprühte, waren die Erinnerungen verflogen. Dafür kam eine unverkennbare Stimme über die Tische zu ihm.
»Hey Samuel, kommst du? Du wolltest mir doch zur Hand gehen, ich zeig dir alles.«
Björn stand am Eingang der Mensa in weißer Arbeitskleidung und winkte ihm frenetisch zu. Sam seufzte einmal schwer, erhob sich und ergab sich die nächsten Stunden seinem Schicksal.
Der Behandlungsraum lag im dritten Stock des Hauptgebäudes, war großzügig und elegant eingerichtet, und bot ihnen eine angenehme Arbeitsumgebung. Dazu trug auch der phantastische Ausblick auf die Berge seinen Teil bei. Die Patienten hingegen – Gäste, wie Björn zu betonen pflegte – benahmen sich alles andere als vorbildlich. Bald war Sam klar: Die Leute hier waren Bonzen, selbstgerechte Arschlöcher und neureiche Klugscheißer. Von der freundlichen Art, die er gestern Morgen noch bemerkt hatte, war nichts übrig. Möglicherweise lag es an seiner Kleidung, denn jetzt war er für jeden als Physiotherapeut zu erkennen.
»Sag mal, Björn«, fragte Sam nachdem ein besonders unausstehlicher österreichischer Gewerkschaftsfunktionär den Raum wieder verlassen hatte, »sind die eigentlich immer so?«
Der Schwede nickte. »Leider ja.«
»Gestern Morgen hat sich das noch anders angefühlt. Die Leute schienen mir alle nett und freundlich.«
»Wer? Wo?«, fragte Björn skeptisch.
Kurz berichtete Sam, wie sein gestriger Spaziergang verlaufen war.
»Ah, ja, das waren sicher die fortgeschrittenen Fälle.«
Sam schüttelte den Kopf. »Was soll das denn bedeuten?«
»Hier zu uns«, begann Björn zu erklären, »kommen fast ausschließlich die neuen Gäste. Die sind überarbeitet und mies drauf. Bestimmte Gäste bleiben aber länger, bekommen besondere Behandlungen vom Professor und werden dadurch ruhiger und zufriedener – und auch freundlicher. Deren Aufenthalt endet dann in Haus B. Ich glaube, dass unsere Behandlung dazu beiträgt, dass aus den griesgrämigen Ankömmlingen schließlich wieder zufriedene Menschen werden.«
Das alles klang sehr seltsam und leicht mystisch für Sam, aber für den Moment genügte ihm die Erklärung.
Als sie endlich ihren letzten Patienten des Tages versorgt hatten, erkundigte sich Sam bei Björn darüber, wo er wohl Sascha finden konnte.
»Der sitzt bestimmt noch in seiner Kammer im Keller von Haus C.«
Sam warf ihm einen irritierten Blick zu. »Wir haben einen Keller in Haus C? Das Treppenhaus geht doch nur nach oben?«
»Ja, aber hinter dem Aufenthaltsraum gibt es eine Türe, die führt zur Treppe in den Keller. Da stehen große schwarze Computer und da ist dann auch Saschas Büro. Wenn man das ein Büro nennen möchte.«

Was genau ein Server ist oder tut, wusste Sam zwar nicht, aber als er den stickigen Keller betrat, hatte er keine Zweifel, was die Reihen dicker Schränke voller kleiner Lichter und langer Kabel waren. Die Luft war kalt und abgestanden, eine merkwürdige Kombination, offenbar durch große Lüfter erzeugt, von denen Sam nur das brummende Geräusch wahrnahm. Hinter einen Ecke, ohne Tür oder ähnliche Abtrennung, saß Sascha vor einer Anordnung von vier Monitoren. Er hatte Kopfhörer auf und schien Sam bisher nicht bemerkt zu haben. Schmunzelnd überlegte Sam, während er sich vorsichtig näherte, ob er sich einen kleinen Scherz erlauben konnte.
Plötzlich drehte sich Sascha um. »Was gibt’s?«, jodelte der ITler förmlich, während er seine Kopfhörer sinken ließ.
Der Schreck stand Sam offenbar ins Gesicht geschrieben. Anstatt zu antworten, schnappte er nach Luft und Sascha begann zu lachen.
»Hab ich dich erschreckt?«
Sam nickte mit aufgerissenen Augen. »Kann man wohl sagen. Sind die Dinger nur Fake?« Dabei zeigte er auf die Kopfhörer.
»Nein, da läuft meist Teamspeak drüber.«
»Aha …« Verwirrt sah Sam zu den Monitoren. »Da läuft aber kein Spiel oder sowas?«
Ohne sich umzusehen, griff Sascha hinter sich und drückte auf Tasten. Jetzt zeigte einer der Monitore eine Szene, die wie der Pause-Bildschirm eines Ego-Shooters aussah.
»Muss ja nicht jeder gleich sehen, hm?«
»Und woher wusstest du, dass ich komme?«
Sascha lachte wieder. »Weißt du«, er hielt sich den Bauch, während er sprach, »ich habe vielleicht ein oder zwei Kameras installiert. Zutritt ist nämlich eigentlich für Unbefugte – also dich – verboten.«
»Und sowas darfst du?«
Der Computerexperte zuckte mit den Schultern. »Ich glaube kaum das Unterbruch das stört. Zurück zu dir, was treibt dich in mein kleines Reich?«
In der Zwischenzeit hatte sich Sam zwar eine Geschichte überlegt, aber jetzt wo er von den Kameras gehört hatte, die Sasche wohl ohne Erlaubnis einfach installiert hatte, wurde er unsicher.
»Ähm, weißt du, ich habe mich gefragt ob … du mir Zugriff auf einen Computer mit Internet … also …«
»Du willst spielen«, unterbrach ihn Sascha.
Sam nickte. »Ja, genau. Irgendwas cooles Neues vielleicht, ein Ballerspiel oder …«
»Nein«, unterbrach ihn Sascha erneut. »Ich meine du willst wetten. Glücksspiel.« Dabei setzte der ITler ein breites Grinsen auf.
Völlig überrumpelt stammelte Sam weiter: »Was? Nein! Wie kommst du darauf, ich bin ein Gamer, genau wie du.«
Während er die Lippe missbilligend verzog, schüttelte Sascha langsam den Kopf. »Versuch nicht es zu leugnen, ich weiß, dass du glücksspielsüchtig bist. Lügen bringt dir keine Pluspunkte bei mir.«
»Was soll ich mit Pluspunkten bei dir wenn du …«, platze Sam wütend hervor. Dann fuhr er ruhiger fort: »In Ordnung. Sagen wir, ich wette gerne. Ist ja nicht verboten, oder? Aber ich bin nicht süchtig! Und wieso zum Henker weißt du davon?«
»Der Computer.« Müde deutete der Angesprochene mit dem Daumen auf den großen dunklen Kasten unter dem Schreibtisch.
»Was bedeutet das? Du hast meinen Computer gehackt um meine Vergangenheit zu durchleuchten?«
Laut schallend – der Widerhall in dem kleinen Raum war unangenehm – lachte Sascha auf und hielt sich den runden Bauch. »Nicht ich, mein Freund. Unterbruch. So wie jeden anderen hier.«
Sam konnte nicht glauben, was er da hörte. »Du willst mir erzählen, der alte Professor ist ein Computercrack?«
»Vermutlich nicht. Ich kann mir nur vorstellen, dass er jemanden dafür bezahlt hat, ihm dieses kleine Wunderwerk hier hin zu stellen.«
Die Stirn runzelnd, entgegnete Sam: »Wenn das so ein besonderer Computer ist, warum lässt er dich dann darauf zocken?«
»Oh, Unterbruch weiß nicht, dass ich mir Zugriff auf seine geheimen Laufwerke besorgt habe. Ich mache damit das gleiche, was er wahrscheinlich auch macht.«
Sam gefiel das Spiel des Computerexperten immer weniger. »Und das wäre?«
»Jeden Angestellten in diesem Laden in der Hand halten.«
Der unverständliche Blick auf Sams Gesicht animierte Sascha dazu weiter zu sprechen.
»Kam es dir nicht komisch vor, dass er dich so schnell eingestellt hat? Obwohl du vorher wegen Diebstahls gefeuert wurdest? Obwohl du kein besonderen Talente hast? Dafür aber riesige Spielschulden. Alle in der Klinik haben was ausgefressen.«
»Warte mal«, entfuhr es Sam, »Professor Unterbruch hat mich nicht eingestellt, sondern die Perez.«
»Was hat sie dir erzählt? Dass sie die ›Erlaubnis‹ hat dich einzustellen? Nein, Kumpel, Tati hat die Anweisung bekommen, dich einzustellen, falls du dich nicht völlig dämlich anstellst.«
»Wenn das stimmt«, überlegte Sam laut, »kennst du auch die Geheimnisse diese Klinik. Weißt wer, was in seiner Vergangenheit getrieben hat. Weißt alles über Haus B.«
Kurz wurde Sascha still und senkte den Blick nachdenklich. »Zum Verrecken, da steht nichts. Nirgendwo gibt es Infos über Haus B. Ich kenn’ die Verbrechen aller Mitarbeiter, außer der Jungs aus Haus B und Unterbruch selbst natürlich.«
»Und was hast du ausgefressen? Ist nur fair, wenn ich das auch weiß.«
Erneut lachte Sascha. »Schon vergessen? Ich hab dich in der Hand, ich kenne deine Vergangenheit. Unterbruch holt sich die Diebe, Spieler, Räuber und Erpresser ins Haus, obwohl er davon weiß – weil er davon weiß, was sie auf dem Kerbholz haben. Seine Gründe sind mir ein Rätsel, aber meine sind ganz einfach.«
»Geld?«, mutmaßte Sam.
»Macht!«, stieß Sascha hervor, in seinen Augen blitzte etwas auf. »Ihr seid mir ausgeliefert.«
Jetzt musste Sam lachen. »Wenn doch mein Arbeitgeber schon davon weiß, womit drohst du mir? Es Björn zu erzählen? So wie du davon sprichst, hat der wahrscheinlich einen Totgebrüllt in Schweden. Zugegeben, da hätte ich tatsächlich etwas Respekt vor. Aber deine Drohung ist leer, Nerd. Und wenn du mir nicht helfen willst eine kleine Wette zu platzieren, dann bist du mir zu nichts nutze.«
Während er gesprochen hatte, war Sam bereits auf dem Weg aus dem Keller. Dann rief ihm der ITler etwas nach:
»Wenn ich es den Gästen erzähle, wird Unterbruch dich rauswerfen. Reputationsschaden.«
Sam hielt inne. Das Szenario war nicht abwegig. »Du hast gewonnen«, sagte er schließlich, ohne sich umzuwenden. »Du hast mich in der Hand. Ist dein Napoleonkomplex damit zufrieden.«
Dann ging er die Treppe hinauf und fluchte leise. Ihm gefiel nicht, dass der Kerl so viel von ihm wusste.

In Ermangelung einer besseren Idee, fand sich Sam kurz darauf in seinem Zimmer wieder. Mechanisch ordnete er die wenigen Sachen aus seinem Koffer in den Schrank, etwas, zu dem ihm bisher die Ruhe gefehlt hatte, und dachte dabei über das seltsame Gespräch mit Sascha nach.
In dieser Klinik gingen mehr als merkwürdige Dinge vor. Nicht nur, dass der Kerl von seinen Spielschulden wusste, nein, er dachte sogar, Sam sei spielsüchtig. So ein Unsinn. Er dachte an den Moment vor drei Tagen zurück, als er kurz davor gewesen war, seine letzte Münze in den Automat zu werfen. Die Münze hatte er wieder eingesteckt. Ein Süchtiger hätte sie eingeworfen. Oder nicht? ›Es muss sich etwas ändern‹, war ihm da durch den Kopf gegangen und das hatte es. Er war in den Bus gestiegen und raus aus Berlin, weg von Jess und alle dem.
Dann dachte er an den Moment am gestrigen Abend, das kurze Sterben in seinem Herz, das taube Gefühl als ihm klar wurde, dass dort kein Spielautomat in der dämlichen Kneipe stand. Vielleicht musste sich mehr ändern, als nur sein Wohnort. Vielleicht musste er sich ändern. Und wenn es nur dafür wäre, dass der dumme Nerd sein Machtspiel nicht mehr weiter spielen konnte. So ein Arschloch wie der, wollte man wirklich nicht sein.
Möglicherweise musste er nicht spielen.
Unvermittelt klopfte es an seiner Tür.
»Herein?«, brachte Sam unsicher hervor.
Die Tür schwang auf und Tatiana Perez trat ein.
»Ola, Herr Neuhaus. Es gibt ein kleines Problem mit Ihrem Konto. Ich habe von Ihrer Bank die Mitteilung bekommen, dass das Konto gekündigt wurde. Können Sie mir das erklären?«
Was sollte er darauf antworten?


Was antwortet Sam auf die Frage der Personalerin?

  • Das kann nur ein Fehler sein! - Eine Lüge erfinden (75%, 3 Stimmen)
  • Ich muss etwas beichten ... - Die Wahrheit sagen (25%, 1 Stimmen)

Stimmen: 4

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