Fortsetzungsnovelle Stimmen: Monat 9 – Geräuschlos

Sein Blick sprang noch einige Male zwischen dem Treppenhaus und den Kisten hin und her, dann seufzte Sam und lief ans Ende des Raums. Es handelte sich um weiße Styroporkisten, ungefähr so groß wie Bierkästen. In dem Versuch die Kisten möglichst wenig zu bewegen, damit niemand bemerken würde, dass er dort war, schob sich Sam Zentimeterweise hinter die hoch gestapelten Kisten. Es war so dunkel dahinter, dass er sich sicher war, niemand würde ihn bemerken. Natürlich nur, wenn er kein Geräusch verursachte.
Die Stimmen kamen näher, gleich würde jemand in den Raum kommen. Sam entschied sich stehen zu bleiben – bei dem Versuch sich hin zu hocken, wären seine Knie im Weg. Zwischen zwei Kisten konnte er einen Spalt sehen. Zumindest sollte er ein bisschen was erkennen können.
»… gewesen sein.«, erklang die Stimme eines Therapeuten, während die Tür aufgestoßen wurde.
»Unterbruch wird das schon klären.«, antwortete ein anderer. Dann sah Sam durch den Spalt wie ein älterer Herr im Rollstuhl neben den Tisch gefahren wurde.
»Und wie, bitte, soll er das machen? Wenn die Kellerassel nicht mitspielt und sich dumm stellt, woher soll der Unterbruch was erfahren?«
Sie hoben den apathischen Mann aus dem Stuhl und auf den OP Tisch. Mehr als ein leises Stöhnen gab er nicht von sich.
»Keine Ahnung, was der aus dem Kauderwelsch da alles raus bekommt.«
»Das ist Heunischisch du Trottel und ich bin sicher, dass das so nicht funktioniert.«
Sam konnte sehen, wie eine Hand in Richtung der seltsamen Zeichen gestikulierte. »Was weiß ich denn …« Dann begannen sie damit, den Patienten zu fixieren.
»Zieh da mal noch fester. Ja, so. Hauptsache, der fällt uns nicht vom Tisch wie der letzte Woche.«
Die Geräusche der Schuhe auf dem Boden verrieten Sam, dass sich einer der beiden näherte. Schatten tanzten in dem schmalen Spalt der ihm als Fenster diente. »Hol mal Größe vier, der Kerl hier hat einen riesen Schädel«, erklang es vom Tisch.
Die Box vor seinem Kopf bewegte sich und Sam drückte sich zur Seite, bemüht so geräuschlos wie möglich zu bleiben. Er hielt den Atem an, während nur Zentimeter entfernt eine Stimme erklang. »In der Kiste sind nur Dreier.«
»Guck mal in der da drunter.«
Die nächste Kiste geriet in Bewegung. Sam zog den Bauch ein und betete. Er sah eine Hand gefährlich nah vor seiner Brust herumfuchteln. Dann verschwand auch die zweite Kiste.
»Hab sie.«
Schritte entfernten sich, vor Sam offenbarte sich eine riesige Lücke. Wer jetzt zur Tür herein kam, musste ihn einfach sehen.
»Ey, Lars, du weißt doch, dass der Alte das hasst. Pack die Kisten wieder zurück.«
Ein Grummeln erklang, dann kam Lars zurück und schichtete die Kisten neu auf. Sams kleine Zuflucht war wieder intakt. Die praktische Lücke allerdings war verschwunden. Langsam, vorsichtig atmete Sam aus und lauschte. Offenbar arbeiteten beide am Tisch, Klettverschlüsse waren zu hören, zwischendurch stöhnte der Patient. Mehr als »Hier.« oder »Halt mal.« wurde nicht gesprochen, Sam vermutete die beiden waren sehr routiniert bei der Sache.
»Dreißig?«, fragte Lars irgendwann.
»Ja, sollte genügen«, war die Antwort.
Einige Töne erklangen, dann entfernten sich Schritte und die Tür schwang auf. Stille folgte, unterbrochen nur vom schwachen Summen der Lampen und der Geräte in der Raummitte.
Weiterhin darauf bedacht, keine Geräusche zu verursachen, wartete Sam für eine Weile und gab seinem pochenden Herz Zeit, sich zu beruhigen. Innständig hoffte Sam die letzte Frage von Lars bezog sich auf Minuten, als er sich entschied sein Versteck zu verlassen. Schritt für Schritt trat er hinter den Kisten vor, blieb allerdings abrupt stehen, als er sah, was die Therapeuten mit dem alten Mann gemacht hatten.
Der Patient lag fixiert auf dem Operationstisch, man hatte ihm eine seltsame Maske übergezogen, die einen Schlauch in seinen Mund einführte und gleichzeitig seine Augen offen hielt. Eine Halterung hielt einen Bildschirm wenige Zentimeter vor seinem Gesicht. Wilde Farben flackerten über die grausige Maske und brannten sich in die wild zuckenden Augen. Der einzige Körperteil mit dem zu zucken er in der Lage war.
Mit wackligen Schritten näherte sich Sam dem Tisch. Was ging hier vor? Seltsamer Gasgeruch stieg aus der Maske empor als er sich über den Mann beugte. Mit den aufgerissenen Augen sah der Alte völlig panisch aus. Sam drehte den Bildschirm um, Bilder von Wolken und Gebäuden und Menschen und Landschaften flimmerten aufgeregt im Millisekundentakt. Es schmerzte in den Augen. Sollte er den Mann befreien? Aber was würde dann passieren? Vielleicht schadete es mehr als es nützte? Diese Gehirnwäsche erklärte ihm zumindest teilweise die Wandlung des Botschafters. Nur – wozu das Ganze? Er konnte sich keinen Reim darauf machen.
Vorsichtig brachte Sam den Bildschirm wieder in Stellung. Besser er hinterließ nicht mehr Spuren als nötig. Auf Zehenspitzen schlich er zur Tür und spähte hinaus. Die Therapeuten waren nicht zu sehen, aber er hörte ihre Stimmen und sah Schattenbewegungen aus dem Gang zum Fahrstuhl kommen. Dort mussten sie stehen, sich unterhalten. Nachdenklich biss sich Sam auf die Unterlippe. Es wäre ihm lieber, wenn er das Haus jetzt verlassen könnte. Antworten hatte er zwar nicht, wie ihm ein kurzer Blick zu dem alten Mann in der Gehirnwaschmaschine schmerzlich bewusst machte. Doch das erdrückende Gefühl hier am falschen Ort zu sein war zu stark. Er wollte fliehen. Ein wenig mehr öffnete er die Tür. Ein scharfes Quietschen entstand, ließ Sam inne halten.
»Hast du das gehört?«, fragte der Unbenannte.
»Nein, was?«, entgegnete Lars.
»Da war was. Am Postraum.«
Lars lachte. »Das bildest du dir ein, der Alte ist fixiert.«
Während er das Gespräch belauscht hatte, hielt Sam den Atem an. Und wenn er es nicht besser gewusst hätte, er hätte geschworen auch sein Herz war stehen geblieben. Es war zu riskant, jetzt zur Treppe zu schleichen wäre sein Untergang. Also verzog er sich zurück zu seinen Kisten, darauf bedacht nichts zu verändern und keinen Verdacht auf sich zu lenken.

Quälend langsam flossen die Minuten dahin. Sams Gedanken kreisten, fanden aber keinen Halt. Nichts von dem hier ergab Sinn. Was waren das für Zeichen? Vielleicht lag darin der Grund. Obwohl er nie ein großer Freund von Handys gewesen war – jetzt wünschte er sein altes Smartphone und Google Translate herbei. Am Ende musste die Antwort im zweiten Tiefgeschoss liegen. Wo sonst sollte sich Unterbruch aufhalten? Oder war der alte Professor am Ende gar nicht wieder ins Gebäude zurückgekehrt?
Ohne Ergebnis, aber völlig verkrampft von der ungemütlichen Haltung hinter den Kisten, harrte Sam tapfer aus, bis das Gerät in der Raummitte einen weckerähnlichen Ton von sich gab. Wenig später kamen die beiden Therapeuten zurück und Sam konnte durch seinen kleinen Spalt beobachten, wie sie Gerät und Maske entfernten. Lars brachte die Maske wieder zu der Kiste, gleichzeitig meinte Sam den alten Mann stöhnen zu hören. Dann erkannte er einen Rhythmus, Schnalzen. Der Mann versuchte zu sprechen.
»Oh, shit, der fängt schon an. Ich hol schnell Unterbruch«, sagte der Unbenannte und entfernte sich.
Sam blieb alleine mit Lars zurück, der sich wieder zu dem Patienten stellte und sprach: »Na, na, na, noch nicht loslegen. Der Professor wird sonst sauer. Wenn er den Anfang verpasst, das ist doch blöd.«
So sehr Sam versuchte sich auf das zu konzentrieren, was der Alte von sich gab, es war einfach zu leise. Das Summen der Deckenleuchten übertönte es zu stark. Dann wurde die Tür aufgestoßen. »Herr Maukner«, ertönte die Stimme von Professor Unterbruch, »sprechen sie ihm nach, laut und deutlich, bitte.«
»Ja, ja, natürlich«, antwortete Lars. Dann räusperte er sich und Sam sah, dass er sich knapp über den Patienten beugte.
»Ohl sonn … ffforsag … goho i-a t … bald jonsch … kalz vonfo …«, stotterte Lars nun wirr.
Der Professor unterbrach ihn: »Stop. Das ist ja grauenvoll. Burk, machen sie weiter.«
Die beiden Therapeuten tauschten, jetzt beugte sich der andere über den Patienten, sein seltsames Gebrabbel war zwar nicht verständlicher, aber mit deutlich mehr Selbstsicherheit vorgetragen.
»Ror i ta nazpsad Graa ta Malprg ds hol-q Qa-a nothóa zimz Od commah ta nobloh zien …«
Minutenlang quetschte der Mann die verworrensten Geräusche hervor. Nur entfernt erinnerte all das an Sprache. Was genau der Professor nun damit tat, konnte Sam nicht sehen. Nach einer Weile blieb der Mann stumm. Kurz sah Sam wie Unterbruch den Raum durchquerte, offenbar direkt zu Lars hin. Dann war eine Ohrfeige zu hören.
»Wegen Ihre Unfähigkeit haben wir den Anfang verloren. Wenn sich so etwas wiederholt, spanne ich Sie in den Infusor, verstanden?«
»Nein«, jaulte Lars auf, »wird es nicht, ganz gewiss. Ich wer … werde Sie nicht enttäuschen, Herr Professor.«
»Das will ich meinen. Jetzt kümmern Sie beide sich bitte um den Mann und schaffen den nächsten herein. Und holen mich rechtzeitig, verstanden!« Die letzten Worte hatte Unterbruch fast gebrüllt. Dann entfernten sich seine Schritte.
Die beiden Therapeuten – falls die Bezeichnung überhaupt angebracht war, Sams Zweifel wuchsen stetig – begannen den Mann aus seiner Fixierung zu lösen. Sam entschied sich abzuwarten, bis der nächste arme Kerl hier aufgebahrt war. Dann sollte er wieder dreißig Minuten Zeit haben. Nur wusste er noch nicht, was er damit machen sollte.

Erleichtert atmete Sam auf, als Lars und der Burk den Raum wieder verließen. Das neue Opfer bekam seine Dosis Gehirnwäsche, der zweite Mann war etwas jünger und fülliger, ansonsten aber genauso fest geschnallt, wie der Erste.
Interessiert betrachtete Sam die Wand. Ganz offensichtlich hatte Unterbruch die merkwürdigen Laute in viele neue unleserliche Schriftzeichen übersetzt. Was die Zeichen zu bedeuten hatten, erschloss sich Sam natürlich nicht, aber die große Menge an Mitschriften an der Wand ließ ihn erschaudern. Jetzt wo er verstand, wie sie entstanden waren. Er warf einen wehmütigen Blick zu dem gefesselten in der Raummitte.
Begleitet von einem tiefen Seufzer, schlich Sam wieder zur Tür und spähte erneut hinaus. Der Gang lag still, keine Bewegung, kein Schatten. Ob die Therapeuten woanders waren? Er riskierte die Tür weiter zu öffnen. Diesmal blieb die Angel geräuschlos. Natürlich. Sam traute sich aus dem Raum und balancierte wachsam die Wand entlang bis zur Kreuzung. Niemand war zu hören. Dann sprang unvermittelt die Kurbel des Fahrstuhls an. Nachdem ein kurzer Schock durch Sams Glieder gefahren war, riss er sich zusammen und setzte sich erneut in Bewegung, direkt zum Treppenhaus. Er drückte sich gerade durch die Türe, als Stimmen aus der Richtung des Aufzugs zu hören waren.
Im Treppenhaus schwankte Sam zwischen dem Weg nach oben – in die Freiheit – und dem Weg hinunter. Dort lagen vielleicht Antworten. Aber ob er auch wieder hinaus käme?
Noch während er unsicher zwischen den beiden Möglichkeiten schwankte, öffnete jemand die Tür unten. »Lars, bist du das?«, erklang die Stimme des Therapeuten namens Burk.
Sam ließ alle Vorsicht fallen. Er nahm die Beine in die Hand und stürmte die Treppe hinauf. Sein Herz pochte heftig, er wollte bloß noch raus aus Haus C. Niemand stellte sich ihm in den Weg, sie mussten alle in den Kellern sein, und die wenigen Meter bis zum Ausgang waren in Sekunden zurückgelegt. Erst an der Tür hielt er kurz inne, ließ den Blick nach draußen schweifen und ging sicher, dass dort niemand auf ihn wartete. Ein tiefer Atemzug noch, dann trat er hinaus. Die Tür fiel fast geräuschlos hinter ihm ins Schloss. Betont gelassen, obwohl sein Herz weiterhin stark pulsierte, ging er den Weg entlang und umrundete das Hauptgebäude. Als die ersten Patienten auf ihn aufmerksam wurden, winkte er ihnen freundlich zu. Sie lächelten, nickten oder winkten zurück. Er war draußen und niemand schien ihm zu folgen.

»Sascha? Bist du allein?«, fragte Sam in den schummrigen Keller hinunter. Hoffentlich wusste der Computernerd mehr über das, was draußen geschehen war.
»Ja, bin ich. Man, Sam, das war zu knapp glaub ich.« Sascha stand auf und kam auf Sam zu.
»Wie meinst du das?«
Sascha warf einen nervösen Blick an Sam vorbei. »Unterbruch war hier, hat rum gebrüllt, ich soll doch den Alarm abstellen. Er hat sofort nachgebohrt – Sam, er hat deinen Namen genannt! Keine Ahnung woher … wie … ich konnte ihn nur schwer davon überzeugen, dass es ein Bug im Bootsektor des Feueralarmprotokolls gewesen war, der durch ein fehlerhaftes Update ins System gekommen sei. Bin nicht einmal sicher, ob er die Story gekauft hat. Jedenfalls war er wütend, hat was von extrem schlechtem Zeitpunkt gefaselt und dass das so nicht geplant gewesen sei. Sam, ich glaub der wusste, was du vor hattest.«

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