Die Meeresnymphen

Es ist inzwischen sechzehn Monate her, dass ich eine alleinstehende Kurzgeschichte hier veröffentlicht habe. Das kann natürlich nicht so bleiben! Deswegen heute eine Geschichte von mir, inspiriert von der alt-griechischen Mythologie:

Die Meeresnymphen

Lasst mich dieses Seil noch einen Moment zur Seite legen, und euch alles erklären. Die ganze Sache begann an einem warmen Tag vor gut einem Monat, als ich mein Boot gerade für die See bereitete. Mein guter Freund Pleisthenes – mögen die Götter seiner Seele gnädig sein – war ebenfalls am Strand und arbeitete an seinem Kahn. Ich kann mich lebhaft an unser Gespräch erinnern.

»Weißt du schon, welchen Fischgrund du heute aufsuchen wirst, Thyestes?«, fragte er mich.

Ich antwortete ihm, dass ich es weiter im Süden versuchen wollte, weil die üblichen Fanggründe im Ikarischen Meer zu wenig hergaben.

Er verzog den Mund und schüttelte sich. »Du bist wahnsinnig, mein Freund!«, schrie er auf. »Jeder weiß, dass die südlichen Gewässer gefährlich sind. Ich bleibe im Norden, Poseidon wird die Fische schon zurückführen, da bin ich sicher.«

Seine Zuversicht teilte ich zwar, nur sorgte ich mich um die Zeit, die sich der Herr des Meeres damit ließ. Immerhin wollte meine Familie etwas essen. Monatelang gingen die Fischbestände zurück und guter Fang war selten gewesen, ihr wisst es alle. Während ich meine Netze verstaute, deutete Pleisthenes zum Himmel.

»Bist du sicher, dass du riskieren willst, nach Süden zu segeln? Sieh den Wind, er ist stark heute. Wir beide kennen genug Geschichten von verschwundenen Seeleuten, du solltest nicht deine eigene hinzufügen.«

Heute bereue ich, nicht auf ihn gehört zu haben, doch damals sagte ich ihm, dass ich sehr wohl selbst die Wolken beobachten könne und wüsste, was auf mich zukam. Wir brauchten dringend einen erfolgreichen Fang, sonst war der Hungertod nicht mehr weit. Schweigend verrichteten wir unsere Vorbereitungen an Land, wobei er immer wieder flehentliche Blicke zu mir warf. Wir stießen uns wenig später in unterschiedliche Richtung vom Ufer ab. Ich winkte ihm zu und wünschte ihm einen guten Fang.

»Und dir eine sichere Rückkehr, Thyestes!«, rief er zurück.

 

An jenem Tag erwiesen sich Uranos Atem und Poseidons Griff in der Tat als mein Unheil. Ich setzte südwestlichen Kurs und wollte meine Netze ein gutes Stück vor Fournoi auswerfen. Die Gewässer um die Felseninseln sind schwierig zu befischen, gefährlich zu mancher Zeit, und ihr Ruf noch furchtbarer. Verzweifelte Situationen erfordern eben verzweifelte Maßnahmen.

Wind und Strömung drohten mich immer wieder den schroffen Klippen entgegen zu drücken, so dass ich damit beschäftigt war meinen Kahn von dort fern zu halten und nicht bemerkte, wie ich mich immer mehr südlich von unserem Dorf entfernte. Erst als die großen Inseln – Fournoi, Minas – bereits nach Norden fort zogen, gewahrte ich meinem Fehler. Samos war längst nicht mehr zu sehen, die offene Ägais zeigte sich im Osten und im Westen hoben sich die letzten Ausläufer der Steininseln – so dachte ich. Mein pochendes Herz schwankte noch, ob ich riskieren wollte mein Netz auszuwerfen oder lieber auf schnellstem Weg umkehren sollte, als ich unvermittelt eine Frauenstimme vernahm.

Zwei! Ich vernahm die Stimmen von zwei Frauen, eine sang schöner als die andere und der schneidende Wind vermochte nicht die Kraft der Melodie zu mindern.

Ohne genau zu wissen, was meine Hände taten, setzte ich Kurs auf den Gesang und sah bald, dass ich auf ein winziges Eiland südöstlich der großen Inseln zuhielt. Es kam mir nicht bekannt vor, war jedoch so klein, dass ich sein Fehlen auf den Karten diesem Umstand zuschob. Auf den schroffen Felsen sah ich zunächst zwei Frauen sitzen, kurz darauf kam eine dritte Frau in mein Sichtfeld, weiter hinten, fast mittig auf der Insel. Je näher ich den Frauen kam, je lauter ihre Stimmen mein Ohr erreichten, desto stärker wurde der Drang zu ihnen zu kommen. Ich vertäute mein Boot nur unzureichend an einem Felsen und sprang in das hüfthohe Wasser um auf die Insel zu gelangen. Schnaufend zog ich mich auf einen flachen Stein, woraufhin die Linke ihren Gesang unterbrach.

»Willkommen, Seemann«, lachte sie mir entgegen. Lange, blonde Haare zierten ihr Haupt und eine schmale Nase ihr feines Gesicht. Ihr strahlendes Lächeln hielt meinen Blick ebenso gefangen, wie ihre Stimme meine Seele.

»Bist du vom Kurs abgekommen?«, fragte dann die Rechte, während die Linke erneut zu singen begann. Ihr Haar war gelockt und kupferfarben. Sommersprossen blühten auf ihren Wangen und ihr Busen hob und senkte sich verführerisch mit jedem Atemzug. Alle drei Frauen – die letzte hatte lange schwarze Haare und intensive dunkle Augen – trugen dünne weiße Kleider mit silbernem Saum, die ihre reizvollen Körperformen unterstrichen.

Ich antwortete ihnen, dass ich auf der Suche nach einem Fischgrund weiter nach Süden gekommen sei, als ich beabsichtigt hatte, und fragte, wer sie seien.

»Wir sind Nereiden«, sagte die Rothaarige. »Nymphen des Meeres, Töchter von Nereus und Doris. Mein Name ist Keto und das sind meine Schwestern Psamathe und Klymene.« Sie zeigte nacheinander erst auf die blonde Schönheit, dann auf die Dunkelhaarige.

Ich lächelte und nickte ihnen zu, dann stellte ich mich selbst als Thyestes aus Kallithea von der Insel Samos vor.

»Komm zu mir, Thyestes aus Kallithea, lass mich dich wärmen, du bist ganz nass von deinem beherzten Sprung ins Wasser.« Keto neigte ihren Kopf und orderte mich mit einem Fingerzeig zu sich. Ich folgte ohne zu zögern, kletterte über die Felsen hinauf bis ich endlich vor ihr stand.

Dann geschah etwas Seltsames. Ich vernahm den Schrei einer Möwe – keine gewöhnliche Möwe war es jedoch. Ihr Krächzen war lauter und schriller, schmerzte in den Ohren und erinnerte an gesprochenes Wort. In dem Augenblick erschien mir mein Handeln seltsam, die Situation skurril. Hatte ich meine Frau vergessen, gleich so wie meine Kinder? Hatte ich vergessen, weshalb ich hier war? Genau so war es. Auch sah ich in diesem Moment etwas Sonderbares: Klymene, die Schwarzhaarige die bisher kein Wort gesprochen hatte, schien keinen Unterleib zu haben. Doch bevor ich dies alles verarbeiten konnte, war Keto aufgestanden, hatte mich zu sich gezogen und küsste mich innig. Meine Seele schmolz erneut dahin und ich verlor mich in dem langen, intensiven Kuss. Noch während wir dort in inniger Umarmung standen, spürte ich unvermittelt eine weitere Hand an meiner Schulter. Psamathe war herüber gekommen und zog mich von Keto fort.

»Lass mich auch, Schwester«, flüsterte sie, bevor sie mich ebenfalls küsste.

Wir verbrachten Stunden miteinander. Sie hatten mich mit ihren Stimmen und ihrer Lust jeder Gegenwehr beraubt. Wie viel Zeit genau wir in enger Umarmung verbrachten, ich weiß es nicht. Schließlich ließen sie von mir ab und sahen zu Klymene, die sich nicht gerührt hatte. Sie schienen ein Gespräch ohne Worte zu führen. Dann wand sich Keto wieder an mich.

»Möchtest du wiederkommen, Thyestes?«

Ich bejahte ihre Frage sofort. Ich wäre dort geblieben, wenn sie mich gelassen hätten und konnte an nichts anderes denken.

»Nein, Thyestes, mein starker Mann«, sprach Psamathe, »du musst zurück in dein Dorf. Aber du kannst zu uns zurückkehren – unter zwei Bedingungen.«

Sofort versicherte ich, alles zu tun, was sie von mir verlangten.

»Niemandem darfst du von uns berichten – absolut niemandem«, forderte Keto eindringlich.

Dann fuhr Psamathe fort: »Und wenn du wiederkommst, bring einen Freund mit oder einen Bruder. Komm nicht wieder alleine her, verstanden?«

Wieder bejahte ich, erklärte ihnen aber, dass mir niemand hierher folgen würde, wenn ich nicht von ihrer Schönheit schwärmen würde.

Keto spielte mit ihrem Finger auf meiner Brust, während sie sagte: »Du musst dir etwas einfallen lassen. Aber von uns dürfen deine Freunde erst erfahren, wenn sie hier sind. Wir sind ein Geheimnis.«

Kurz überlegte ich, dann schlug ich vor, dass ich versuchen wollte einen großen Fisch zu fangen, damit man mich der Fischerei wegen begleiten wollte. Ich sah mich um und musste feststellen, dass sich mein Boot gelöst hatte – es trieb weit entfernt über das offene Meer. Bevor ich lange zetern konnte, klopfte mir Keto auf die Schulter und sprach: »Lass mich dies Problem für dich lösen, immerhin sind wir Nereiden die Beschützer der Seefahrer.«

Sie stieg hinab zum Rand des Wassers, ließ sich auf die Knie nieder und bückte sich, so dass ihr Mund ins salzige Nass tauchte. Ich sah Luftblasen empor steigen. Dann – wie von göttlicher Hand geführt – bewegte sich mein Kahn auf uns zu. Ich traute meinen Augen kaum, als kurz bevor er an der winzigen Insel anlangte, Fische – Sardinen und Finten – einfach aus dem Wasser in mein Boot sprangen.
»Dein Fang wird die Leute in deinem Dorf bestimmt beeindrucken, Thyestes«, sagte Keto lächelnd in meine Richtung, als sie sich erhob.

Die auf so ungewöhnliche Weise gefangenen Fische mussten betäubt und getötet werden, wobei mir ein paar Fische aus dem Boot hüpften. Keto und Psamathe amüsierte dies, ihr Gelächter ließ mir Wärme in die Wangen steigen. Es blieb mir eine Ausbeute von einigen Duzend ansehnlicher Fische. Sodann setzte ich Segel um geschwind zurück zu kehren.

 

Im Dorf wurde ich gefeiert für meinen Fang. Man beglückwünschte mich von allen Seiten. Die nächsten Tage verbrachte ich mit dem Räuchern der Fische und einigen Arbeiten am Haus. Innerlich herrschte der Drang alsbald zu meinen Nymphen zurück zu kehren, doch ich wollte keinen Verdacht erregen und einige Aufgaben erlaubten keinen Aufschub. Nach einer Woche fragte ich schließlich Pleisthenes, ob er mich zu dem Fischgrund begleiten wolle, an dem ich zuletzt solches Glück gehabt hatte.

»Gerne, mein Freund. Bestimmt ist dir Poseidon erneut gewogen«, war seine Antwort. »Lass uns gleich morgen die Netze bereiten.«

Bei Sonnenaufgang machten wir unsere Boote seetüchtig und waren schon kurz darauf auf dem Weg. Niemand sonst wusste, welchen Kurs wir einschlagen wollten, und auch Pleisthenes verriet ich nichts über unser genaues Ziel, bis wir endlich den wundervollen Gesang hörten.

»Hörst du das auch?«, rief er mir über den Klang der Wellen zu.

Ich deutete in die Richtung des Eilands der Nymphen und rief ihm zu, dass wir den Stimmen folgen sollten. Innerlich lachte ich, überzeugt meinem Freund einen großen Gefallen zu tun. Wenig später machten wir unsere Boote an der Insel der Nymphen fest. Ich erinnere mich, dass mein guter Freund ähnlich erregt war, wie ich bei meinem ersten Besuch und sein Boot nur flüchtig befestigte. Auch mich hatte die Melodie fest im Griff und ich verlor ebenfalls keine Zeit. Besser als mein Freund wollte ich dennoch dastehen und machte meinen Kahn gerade so gut fest wie nötig.

»Du hast dein Wort gehalten, Thyestes«, begrüßte mich Psamathe.

»Und wie heißt unser neuer Freund?«, fragte Keto während sie auf Pleisthenes zu ging.

Dann nahm sich Keto seiner an, während Psamathe sich mit mir beschäftigte. Ihr sanfter Gesang, abgewechselt mit ihren zarten Küssen, versüßte meinen Tag. Nach einer kleinen Ewigkeit die sich wie kaum mehr als ein paar Wimpernschläge anfühlte, sah ich mich nach meinem Freund um – doch er war nirgends zu erblicken. Keto saß am Wasser, wo auch sein Kahn nicht mehr zu sehen war, wogegen in meinem erneut einige Fische hüpften. Klymene wartete ungerührt in der Mitte der Insel.

»Wo ist Pleisthenes? Wo ist mein Freund und sein Boot?«, fragte ich besorgt.

»Er hat schon vor einiger Zeit seine Segel gesetzt«, erklärte Keto seelenruhig. Dann deutete sie auf die sterbenden Fische. »Ich habe dir ein Geschenk kommen lassen.«

Sein Verschwinden verunsicherte mich nur für einen Moment, die Stimmen von Keto und Psamathe, die mir Mut zusprachen, beruhigten mich schnell. Wieder versprach ich kein Wort zu jemandem zu sagen, wieder sagte ich zu, jemanden Neues mit zu bringen, wenn ich wiederkäme. Ob sie Pleisthenes den gleichen Auftrag gegeben hatten, fragte ich mich nicht.

 

Nachdem ich bei meiner Rückkehr ins Dorf feststellen musste, dass mein guter Freund nicht zurückgekehrt war, trieb mich für kurze Zeit Sorge um. Einen Sturm hatte es nicht gegeben, die Meeresströme waren nicht ungewöhnlich gewesen, ich erklärte mir sein Fernbleiben nun damit, dass es seine Entscheidung gewesen sein musste. Pleisthenes hatte das Dorf verlassen – so rechtfertigte ich mein Schweigen vor mir selbst.

In den folgenden Tagen bedrückte mich das Fehlen meines Freundes kaum noch. Vielmehr verlangte es mir mehr und mehr zu Psamathe und Keto zurück zu kehren. Dann sprach ich die Brüder Gathales, Linos und Zenon an, ob sie mir nicht zu einem reichen Fischgrund folgen wollten.

»Zuletzt fuhr dein Freund Pleisthenes mit dir«, sagte Gathales, der älteste von ihnen, »doch er kam nicht zurück.«

Linos fuhr fort: »Kein Wind krümmte die Bäume an dem Tag, keine Welle zerschmetterte das kleinste Floß. Was ist wirklich mit ihm passiert? Warum verließ er Frau und Kind?«

Mit erhobenen Händen schwor ich auf Zeus und Poseidon, dass mir sein Verbleib unbekannt war. Dies fiel mir freilich nicht schwer, entsprach es doch der Wahrheit. Natürlich befolgte ich die Weisung der Nymphen und erzählte kein Wort von ihnen. Vermutlich wäre es mir unmöglich gewesen, mich ihrem Wunsch zu widersetzen, zu stark war ihr Bann. Es dauerte eine Weile, bis ich die drei Brüder überzeugen konnte. Zenon, der jüngste, war zuerst auf meiner Seite. Ihn beflügelte die Aussicht in unbekannte Gewässer zu segeln und Neues zu entdecken.

Wir bereiteten unsere Schiffe beim folgenden Sonnenaufgang und waren bald auf südlichem Kurs in Richtung des Eilands. Als wir die himmlischen Stimmen der Nymphen zu hören bekamen, war Zenon der Erste der an den Bug ihres Kahn stürmte und rief:
»Hört ihr das, Brüder? Schneller, fahrt schneller zu!«

Auch mein Herz blühte auf, die Stimmen wärmten meine Seele und ich konnte seinen Enthusiasmus gut verstehen. Wie ein Toller tobte er, schwang die Arme auf und nieder und flehte seine Brüder an, doch schneller zu fahren. Seine Begeisterung wuchs noch weiter, als die Keto, Psamathe und Klymene in all ihrer Schönheit in Sicht kamen.

Er mühte sich gegen das Rauschen der Wellen zu brüllen: »Etwas Schöneres hörte ich nie! Thyestes, zu welch bezaubernden Frauen hast du uns geführt?«

Kurz bevor wir die Felsen erreichten, sprang Zenon beherzt ins Wasser und schwamm das letzte Stück. Ich sah Keto und Psamathe erfreut lachen, als er die Felsen hinauf hastete und ihnen in die Arme fiel. Auch seine Brüder überschlugen sich fast, stürmten von ihrem Kahn und die Steine hinauf. Ich folgte ihnen mit kleinem Abstand. Mir war als sangen die Nymphen an diesem Tag besonders intensiv und unterbrachen ihre Musik nur um einen von uns zu küssen.

Ich weiß noch, Zenon war bei Klymene, Keto beschäftigte sich mit Gathales und ich musste mir Psamathe mit Linos teilen.

Dem Mann gefiel das nicht, auch wenn sich die Nymphe sichtlich Mühe gab uns beiden gerecht zu werden. Linos nutzte eine günstige Gelegenheit um mich fort zu stoßen – Psamathe war dem nicht sofort gewahr. Ich wollte vorstürmen, den Lüstling von ihr reißen, doch ein lauter Schrei ließ mich nach oben blicken.

Über mir kreischte eine Möwe. Ihr Schrei brach den Bann der Nymphen für einen Augenblick. Er war weder tierisch, noch menschlich, doch ich hörte ein Wort ganz deutlich aus dem widernatürlichen Schrei: »Flieh!«

Und noch ein Schrei drang an mein Ohr. Verwirrt sah ich zu Zenon, denn ich vermeinte seine Stimme zu hören. Mein Herz blieb bei dem Anblick, der sich mir bot, beinahe stehen. Klymenes Körper hörte an der Hüfte auf und hing schlaf zur Seite. Kalt starrten ihre Augen auf die See hinaus. Ihre Form ging in ein riesenhaftes Ungeheuer über, ein grau-schwarzes Monstrum mit einem runden Körper der nur aus einem gigantischen Maul zu bestehen schien und auf sechs dunklen, krabbenartigen Beinen stand. Mir drehte sich der Magen um als ich zusah, wie der junge Zenon, von einer dicken violett-roten Zunge gehalten, in den verzerrten Mund gezogen und von den gezackten Zähnen zermalmt wurde. Er schrie dabei jämmerlich und fuchtelte wild mit den Armen, kämpfe einen chancenlosen Kampf, gegen den gottlosen Dämon.

Erneut erklang der Möwe Warnung: »Flieh!« Eine Warnung an mich, zweifellos. In diesem Augenblick begriff ich, dass es die Stimme der Nereiden, der Gesang der Sirenen war, der mich von der Wahrheit fern gehalten hatte. Ich griff Schlamm und Dreck, Moos das auf den Felsen wuchs und stopfte es mir in die Ohren. Ein Schauer lief mir über den Rücken, als mich der Blick von Klymene traf. Der wunderschöne Frauenkörper erhob sich aus seiner unnatürlichen Haltung und sie zeigte auf mich, während die Kiefer ihres widerlichen Unterleibs den abgetrennten Kopf des jungen Zenon einem Kirschkern gleich in hohem Bogen ins Meer spuckte. Sie schrie ihre Freundinnen an: »Er ist wach, haltet ihn«, und ich verstand sofort, warum sie bisher geschwiegen hatte. Ihre Worte klangen wie Gift und Galle, ein grauenvoller Spiegel ihrer schrecklichen wahren Gestalt. Ich drückte das Moos tiefer in meine Ohren und rannte zu meinem Boot. Ich spürte Verfolger hinter mir, doch hielt ich erst Ausschau, als ich meinen Kahn bereits abgestoßen hatte. Ich sah wie Haie das Wasser an der Stelle zum Sprudeln brachten, an der Zenons unglückseliges Haupt gelandet war. Die beiden verbliebenen Brüder waren mir auf den Fersen, offenbar gesteuert von den Stimmen der falschen Nymphen. Doch sie liefen unkoordiniert und waren nicht im Stande aufzuholen. Einen Versuch ihr eigenes Schiff hinter dem meinen her zu steuern, machten sie nicht.

Ich ließ das grauenvolle Eiland hinter mir, beschämt nicht einmal den Versuch unternommen zu haben, die beiden Brüder zu retten. Da keiner von ihnen je wieder in Kallithea auftauchte, muss ich annehmen, dass auch sie von Klymene verspeist worden sind. Als ich selbst im Dorf ankam, wollte ich nur vergessen.

 

Die Möwe, so muss ich annehmen, ward mir direkt von Poseidon geschickt. Der Herr der See muss jedoch schließlich unzufrieden mit mir gewesen sein, sonst hätte er nicht den großen Haifisch an unseren Strand gespült. Erklären, was das Monstrum Klymene mit Pleisthenes gemacht hat, kann ich nicht, aber als ich selbst seinen abgetrennten Kopf in den Eingeweiden des Raubfisches fand, war ich übermannt von den Schuldgefühlen. Ich heulte auf, sank zu Boden und flehte die Götter um Vergebung an. Mehrfach bat ich meinen Freund um Verzeihung und bezichtigte mich selbst seines Mordes schuldig. Ihr alle habt es gehört, und eure Schlüsse gezogen. Das ist der Grund, warum ich unter diesem Galgen stehe, das ist der Grund warum ich hängen soll. Ja, ich habe es verdient, ich bin eine Enttäuschung für meine Freunde und mein Volk. Ich habe den Tod guter Männer zu verantworten und die Götter werden mich dafür richten. Einzig der Mörder, für den ihr mich haltet, der bin ich nicht und nun kennt ihr meine wahre Geschichte.

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