Kurzgeschichte: Dagon

Nach langer, langer Durststrecke, hier mal wieder eine Kurzgeschichte aus meiner Feder. Diesmal Sci-Fi-Horror frei nach H.P. Lovecraft


Logbucheintrag #0001, 24. Juni 2104, 16:09 Uhr – Captain Serafin H. Albacete
Dies ist der erste Eintrag der Mission Nummer J1-081, Missionsname ›Deep Dive‹. Mein Name ist Kapitän Serafin Hernando Albacete und ich befinde mich, zusammen mit meiner vierundzwanzigköpfigen Besatzung, auf dem ersten interstellaren Raumschiff, der ISC Gastador. Vor genau sechs Stunden und zwölf Minuten haben wir den Start vom Raumhafen Salto di Quirra eingeleitet, verließen die Erdatmosphäre und niedrigen Umlaufbahnen ohne Zwischenfälle und erreichten soeben unsere geplante Route in Richtung Fomalhaut.
In den kommenden drei Monaten werden wir alle nötigen Vorbereitungen für den ersten Hyperschlaf treffen, während das Schiff langsam seine Endgeschwindigkeit von … 62.686,603 Kilometer pro Sekunde annähert. Zudem sind insgesamt … 1.496 Tests und Experimente in dieser Zeit geplant, die von der wissenschaftlichen Leiterin, Doktor Melanie Schreiber, überwacht werden.
Steuerung des Schiffs und Wartung der Systeme liegen in der Verantwortlichkeit unserer technischen Leiterin, Doktor Lina Mlodecki.
Habe ich noch was vergessen? Nein, ich denke das war’s. Kapitän Albacete Ende.

Logbucheintrag #0006, 19. September 2104, 09:03 Uhr – Captain Serafin H. Albacete
›Deep Dive‹ läuft weiter wie am Schnürchen. Der Katapultantrieb hat uns bereits auf mehr als sechszehn Prozent der Lichtgeschwindigkeit beschleunigt, den Kuipergürtel haben wir lange hinter uns gelassen und auch 2012 VP 113 könnten wir hier draußen nicht mehr treffen. Liegt sowieso nicht auf unserer Route.
Die vorgesehenen Tests sind abgeschlossen und Doktor Schreiber kümmert sich um die letzten Vorbereitungen der Hyperschlafkapseln. Doktor Mlodecki beurteilt alle bisherigen Schwankungen in den Messdaten von Antrieb und System als Unbedeutend, dem Erreichen unserer Endgeschwindigkeit steht Nichts im Wege.
Das ist schon eine abgefahrene Vorstellung. Die fünfundzwanzig Lichtjahre nach Fomalhaut legen wir in etwas mehr als einhundertdreiundzwanzig Jahren zurück. Wenn die auf der Erde es in den nächsten zwanzig Jahren schaffen einen Antrieb zu entwickeln, der auf ein Viertel der Lichtgeschwindigkeit beschleunigt, dann könnten die uns noch welche nachschicken – die uns überholen. Kommt man nicht hinter, oder?
Wenn die Freigaben für Antrieb und Kapseln erteilt sind, ich vermute das wird in den nächsten achtundvierzig Stunden passieren, werde ich den letzten Logbucheintrag vor unserer ersten Hyperschlafphase vornehmen.
Wirklich sehr praktisch, dass ich das Logbuch von überall besprechen kann. Die dokumentierten Einträge werden automatisch per Lichtfunk an die Erde zurückgesendet. Das gerade ist einer der letzten, der fast ohne Verzögerung ankommt.
Kapitän Albacete Ende.

Logucheintrag #0007, 22. September 2104, 14:59 Uhr – Captain Sefarin H. Albacete
Hat etwas länger gedauert als gedacht, aber wir sind wieder auf Kurs und noch hält der Zeitplan.
Es gab einen Zwischenfall. Ein Mitarbeiter aus Doktor Schreibers Team, ein junger Biomechaniker namens Doktor Jamie Devonshire, hat eine Art Höhenkoller bekommen. Bei einem Standardtest der Schlafkapsel, den der Mann auch schon auf der Erde gemacht haben muss, ist er durchgedreht, hat um sich geschlagen und hat Doktor Schreiber und eine weitere Assistentin verbal bedroht. Zudem hat er immer wieder geschrien: »Nicht Dagon, nicht Dagon, nicht Dagon!«
Doktor Devonshire wurde sediert und im medizinischen Abteil fixiert. Doktor Schreiber schlug vor, sie könnte mit dem Mann noch einen Tag warten, während alle anderen bereits wie vorgesehen in den Hyperschlaf gehen. Ich habe den Vorschlag abgelehnt, ich wollte niemanden mit einem potenziell gefährlichen Individuum zurücklassen.
Glücklicherweise hat sich der Bursche beruhigt und kann sich nach eigenen Angaben nicht an das Geschehene erinnern. Immerhin ist es ihm sichtlich peinlich. Wir haben einen Schlafzyklus abgewartet, den Test ohne erneuten Zwischenfall wiederholt. Jetzt sind alle Vorbereitungen durch und wir können die nächsten vier Jahre überspringen.
Auf nach Fomalhaut! Kapitän Albacete Ende.

Logbucheintrag #0008, 1. Oktober 2108, 08:33 Uhr – Captain Serafin H. Albacete
Wir sind vorgestern aus dem Hyperschlaf aufgewacht. Inzwischen behalte ich das Essen wieder bei mir und kann die Kopfschmerzen gut genug ertragen, um protokollgemäß meinen Logbucheintrag zu machen.
Die Arschlöcher haben mir gesagt: »Wenn du ein Jahr in der Testkammer auf der Erde erträgst, dann schaffst du vier Jahre im All problemlos.«
Nein, ihr Penner, problemlos ist anders. Und wir machen den Mist jetzt weitere neunundzwanzig Mal! Sieben Besatzungsmitglieder sind noch immer unbrauchbar, darunter Doktor Mlodecki. Immerhin kann ihre rechte Hand die wichtigen Überprüfungen vornehmen und bisher sieht alles gut aus. Wir halten die Geschwindigkeit und sind perfekt auf Kurs.
In den Simulationen sollten wir diesen Stand nach fünfzehn Minuten erreichen, in der Realität hat es uns zwei Tage gekostet. Doktor Millman, unser medizinischer Leiter, ist im Dauerstress. Hatte ich erwähnt, dass ich fast acht Stunden lang Nasenbluten hatte? Doktor Rudolf aus dem Bauingenieurteam hat jetzt noch ein Leck im Zinken. Kacke.

Ironischerweise ist unter den vier Besatzungsmitgliedern, die keine Beschwerden hatten, ausgerechnet Doktor Devonshire. Ich hasse Zufälle.
Die Stimmung in der Besatzung ist entsprechend schlecht. Ich sollte sie motivieren, aber mit dem Presslufthammer im Kopf, fällt das leider schwer. Doktor Schreiber macht gute Miene, ich hoffe das hilft.
Die Wachphase dauert dreißig Tage. In Anbetracht der besonderen Umstände unseres Erwachsens aus dem Hyperschlaf, ziehen Doktor Schreiber und ich eine Verlängerung um zwei Tage in Betracht. Zudem habe ich eine Überprüfung der Möglichkeit die Hyperschlafphasen zu verkürzen angeordnet. Mitten während der Mission die Parameter zu verändern wäre ein krasser Schritt, aber wenn es immer so laufen sollte … das hält doch keiner aus.
Kapitän Albacete Ende.

Logbucheintrag #0012, 28. Oktober 2108, 20:17 Uhr – Captain Serafin H. Albacete
Die nächste Schlafphase sollte morgen beginnen, wir hängen vierundzwanzig Stunden dran. Die Vorbereitungen und Tests verliefen problemlos, aber ich will lieber alles doppelt und dreifach überprüft sehen. Immerhin ist diesmal niemand ausgeflippt.
Hoffen wir das Beste.
Kapitän Albacete Ende.

Logbucheintrag #0014, 6. November 2112, 11:48 Uhr – Captain Serafin H. Albacete
Vermutlich müssen wir für kleine Verbesserungen dankbar sein, nicht wahr? Mit einigen Schmerzmitteln im Körper bin ich dieses Mal immerhin nach sechs Stunden einsatzfähig, auch vom Rest der Besatzung gibt es weniger Ausfallmeldungen. Drei Teammitglieder werden medizinisch behandelt, ansonsten sind nur leichte Übelkeit oder andere Unpässlichkeiten verbreitet.
Wir haben die Oortsche Wolke hinter uns gelassen.
Auf der positiven Seite vermerke ich zudem, dass unser Kommunikationsoffizier eine Nachricht von der Erde empfangen hat. Das Lichtfunksignal wurde im Jahr 2109 verschickt und hat uns vor knapp zwei Jahren erreicht.
In genau … neununddreißig Minuten werde ich die Besatzung über den Inhalt der Nachricht informieren. Die Messungen von Fomalhaut, die zum Start der Mission ›Deep Dive‹ geführt haben, wurden auch fünf Jahre später noch mal bestätigt. Demnach befindet sich Fomalhaut b auf seiner Reise in eine stabile Umlaufbahn in der habitablen Zone von Fomalhaut und wird dort in den nächsten sechzig bis siebzig Jahren eintreffen. Unser Ziel, der größte Mond des Gasriesen Fomalhaut b, weißt weiterhin alle nötigen Parameter auf, damit sich dort eine Kolonie errichten lässt.
Wenn der Plan aufgeht und wir im Jahr 2227 auf diesem Mond, führen wir alle Vorbereitungen, Untersuchungen, Experimente und Tests durch. Doch bis die Erde von unseren Ergebnissen erfährt und eine Siedlertruppe hinterherschicken kann, schlägt es schon 2253. Nichts gegen gute Langzeitplanung.
Sieht alles nach einer sehr guten zweiten Wachphase aus. Dreißig Tage, dann machen wir wieder vier Jahre die Augen zu.
Kapitän Albacete Ende.

Logbucheintrag #0019, 2. Dezember 2112, 23:10 Uhr – Captain Serafin H. Albacete
Insomnia, sagt Doktor Millman. Schlaflosigkeit, verursacht möglicherweise als Nebenwirkung des langen Hyperschlafs. Warum bin ich dann der einzige, der nicht Pennen kann? Ich bin so übermüdet, dass ich manchmal vergesse, was ich gerade gemacht habe.
In drei Tagen geht es wieder in die Kapseln, spätestens da bekomme ich meine Ruhe. Jetzt krieche ich nachts durch die Schwerelosigkeit, hangle mich durch die verschiedenen Decks und Abteilungen. Nachts. Was für ein unlogisches Wort.
Wenn ich auf die Monitore blicke, die mir unsere Umgebung zeigen, dann sind da Sonnen, natürlich, tausende. Aber keine von denen geht unter, kein Mond, der aufgeht weit und breit. Was wir ›Nacht‹ auf der Erde nannten, ist hier nur die Anzeige der Digitaluhr und das gedimmte Licht der LED-Röhren.
Unsere eigene Sonne ist jetzt fast zwei Lichtjahre hinter uns und damit als Stern unter vielen nichts Besonderes mehr. Ohne das Display, dass mir den Stern von dem wir kommen und den zu dem wir Reisen in hübschen Farben hervorhebt, wüsste ich nicht welcher welcher ist.
Gefühlt bin ich jetzt seit fünf Monaten auf der Gastador, eigentlich sind es achteinhalb Jahre und in meinem Kopf ist es eine Ewigkeit. Und obwohl ich weiß, dass zwei dutzend gut ausgebildete und professionelle Wissenschaftler hinter diesen Wänden schlafen, bin ich allein.
Kapitän Albacete Ende.

Logbucheintrag #0021, 17. März 2115, 00:41 Uhr – Captain Serafin H. Albacete
iä iä dagon fhtagn ph’nglui mglw’nafh dagon r’lyeh wgah’nagl fhtagn

Logbucheintrag #0022, 30. November 2116, 12:02 Uhr – Captain Serafin H. Albacete
Das war ein grauenvoller Schlaf. Die Kopfschmerzen sind wieder heftiger, aber vor allem habe ich wild geträumt. Was eigentlich nicht passieren dürfte. Doktor Millman meint, es könnte mit dem Schlafentzug in der letzten Wachphase zusammenhängen.
Wie auch immer, die Besatzung ist fast vollständig wohl auf, lediglich vier Personen betreut Doktor Millman medizinisch. Die Überprüfungen von Doktor Mlodecki fielen positiv aus, Kurs und Geschwindigkeit sind weiterhin perfekt.
Zehn Prozent der Gesamtstrecke haben wir jetzt zurückgelegt. Vielleicht gewöhne ich mich an die Kopfschmerzen auf den letzten neunzig Prozent?
Kapitän Albacete Ende.

Logbucheintrag #0023, 30. November 2116, 16:29 Uhr – Captain Serafin H. Albacete
Was geht hier vor? Nachdem der Computer meinen letzten Eintrag gespeichert hat, war ich sofort misstrauisch. Der Eintrag vor der Schlafphase war die Nummer #0020, der erste danach wurde als #0022 gespeichert.
Ich habe den Eintrag #0021 zusammen mit Doktor Schreiber mehrfach angehört. Das ist eindeutig meine Stimme! Das ist mein Zugangscode!
Es ist völlig unmöglich, dass ich mitten im Hyperschlaf aufgestanden, zur Konsole geschwebt und diesen Eintrag im Delirium aufgenommen habe.
Aber es ist die einzige Erklärung.
Das weder Doktor Schreiber noch ich beantworten können, ist die Frage, wie es mir möglich war meine Kapsel zu verlassen ohne eine Notfall-Aufwachprozedur bei allen anderen zu initiieren. Das sieht das Protokoll vor. Scheinbar – und niemand hat eine Erklärung dafür – hat das Steuersystem nicht gemerkt, dass sich meine Kapsel geöffnet hat.
Hat gerade weggeschaut.
Was zum Henker soll das bedeuten? Und was für einen Unfug stammle ich da in das Mikrofon? Dagon, Fatan, alles Schwachsinn.
Ich hoffe Doktor Schreiber und ihr Team findet noch eine plausible Erklärung. Nur was wir sonst machen … die Mission muss weitergehen.
Kapitän Albacete Ende.

Logbucheintrag #0027, 25. Dezember 2116, 09:35 Uhr – Captain Serafin H. Albacete
Ich wünschte ich hätte bessere Neuigkeiten. Nicht nur, dass meine Schlaflosigkeit weiterhin die Arbeit erschwert – Doktor Millman vertritt die Meinung, dieses Problem könnte auch zum meinem Schlafwandel-Logbucheintrag geführt haben – jetzt ist die Nächste bei den Hyperschlafvorbereitungen durchgedreht. Doktor Olga Tschenykh aus dem technischen Team sprang plötzlich aus der Kapsel während des Tests, schnappte sich ein Messer und bedrohte zunächst die anderen Besatzungsmitglieder. Völlig überraschend hielt sie sich dann die Klinge selbst an die Kehle und schnitt.
Ihre letzten Worte sollen »Ich hab es gesehen! Wir müssen zurück!« gewesen sein
Das aus der Wunde schwebende Blut erschwerte die Behandlung natürlich, dennoch gelang es die junge Frau zu sichern und die Verletzung zu schließen. Doktor Millman sagt voraus, dass bei unserer Situation die Heilung etwa zwölf Wochen dauern wird.
Wir hatten eine hitzige Debatte vergangene Nacht, wie wir weitermachen sollen. Doktor Schreiber meint, die Wunde könnte hervorragend im Hyperschlaf ausheilen. Das würde aber bedeuten, dass wir Frau Doktor Tschenykh ohne finalen Test in die Kapsel packen. Auf der anderen Seite denkt Doktor Millman der Hyperschlaf könnte zu Komplikationen führen. Zuletzt hat Doktor Mlodecki die Möglichkeit eines Missionsabbruchs und die Rückkehr zur Erde in den Raum gestellt. Davon will ich nichts mehr hören.
Da das Verschieben der nächsten Schlafphase um drei Monate keine Option ist, habe ich entschieden, dass wir wie vorgesehen in fünf Tagen in den Hyperschlaf übergehen. Zu ihrer eigenen Sicherheit bleibt Doktor Tschenykh bis auf weiteres an die Trage in der medizinischen Abteilung fixiert.
Noch siebenundzwanzig Mal schlafen …
Kapitän Albacete Ende.

Logbucheintrag #0029, 21. Juli 2117, 13:02 Uhr – Captain Serafin H. Albacete
Ich muss die traurige Mitteilung machen, dass Doktor Olga Tschenykh, geboren am 24. Juni 2079 in Kiew, Ukraine, in der heutigen Nacht verstorben ist.
Das Notfallsystem hat uns aus dem Hyperschlaf geholt, ein Problem mit Doktor Tschenykhs Kapsel hat den Alarm ausgelöst.
Als Doktor Millman und ich an ihrer ungeöffneten Kapsel ankamen, mussten wir den Tod der jungen Frau feststellen. Sie wurde nur fünfundzwanzig Jahre alt.
Ich habe darauf bestanden, bei der vorgeschriebenen Obduktion anwesend zu sein. Doktor Millman hat … er hat festgestellt, dass sich die Verstorbene das Leben selbst genommen hat. Während ihre Wunde offenbar problemlos verheilt ist, muss sie im Schlaf eine Art Anfall bekommen haben. Sie hat sich von den Gurten befreit und sich mit ihren Fingern die Augen eingedrückt. Komplett.
Doktor Millman und Doktor Schreiber sind sich einig, wäre ihre Herzfrequenz bei der Folter angestiegen – wie man es erwarten würde – hätte die Kapsel viel früher Alarm geschlagen. Nur ist das nicht passiert. Also hat sie sich in aller Seelenruhe die Augen aus dem Kopf gequetscht und ist an den inneren Blutungen im Hirn verstorben.
Was für eine abgedrehte Scheiße.
Wir bleiben zunächst vierzehn Tage in Wachphase, Sicherheitsüberprüfungen und vorgeschriebene Hyperschlafpause abwarten. Außerdem brauchen wir etwas Zeit für die Bestattung.
In welche Richtung wir danach weiterfliegen, habe ich noch nicht entschieden.
Kapitän Albacete Ende.

Logbucheintrag #0031, 2. August 2117, 08:42 Uhr – Captain Serafin H. Albacete
Die Stimmung ist weiterhin schlecht, aber niemand hat bisher offen ausgesprochen, was ich mich permanent frage: Sollten wir umkehren?
Entschuldigung, ›niemand‹ stimmt nicht. Doktor Mlodecki hat diesen Ausweg erneut vorgebracht – in Gegenwart von anderen Besatzungsmitgliedern. Wir alle wussten, dass wir uns auf eine Pionierfahrt ohne Rückflugticket einlassen. Dass es gefährlich werden würde. Dass wir sterben konnten.
Trotzdem ist es ein herber Schlag, wenn man ein Besatzungsmitglied nach so kurzer Zeit verliert – und solch merkwürdigen Umständen. Wir sind die ersten Tölpel die solch ein Experiment durchführen, wieder und wieder in den Hyperschlaf und das bei Geschwindigkeiten die sich vom Licht nur um den Faktor fünf unterscheiden.
Die Nachricht von Doktor Tschenykhs Tod kommt in ungefähr drei Jahren auf der Erde an, Rückantwort bekommen wir frühestens in sieben. Plus-minus ein paar Monate. So lange bleiben wir nicht wach.
Wir werden wie geplant in zwei Tagen in die Kapseln steigen. Und hoffen, dass wir diesen Albtraum in den nächsten vier Jahren einfach vergessen. Ich vergesse immerhin ständig, was gerade passiert ist. Kapitän Albacete Ende.

Logbucheintrag #0032, 4. August 2117, 03:27 Uhr – Captain Serafin H. Albacete
Was für abgefahrenes Zeug. Nachdem ich in den Wachphasen kaum noch Schlaf gefunden habe, bin ich gestern Abend endlich mal wieder eingeschlafen.
Hätte ich das mal bleiben lassen.
Mich trieben derart heftige Träume um, vor allem von einem riesenhaften Fischwesen, das ich gerade schweißgebadet aufgewacht bin. Eigentlich ein kindischer Alptraum – Monster unter dem Bett – aber mein Herz rast noch immer.
Gespenstisch war, dass dies Wesen nicht hinter mir her war. Vielmehr bin ich zu ihm gegangen. Als würde es mich … rufen.
Warum nehme ich das überhaupt im Logbuch auf? Ich glaube ich verliere langsam den Verstand, bei all dem Schrecken, den diese Mission bisher über mich gebracht hat. Und ich kann schlecht mit meiner Besatzung darüber sprechen, immerhin müssen sie zu mir aufblicken. Nur – mit irgendwem muss ich sprechen.
Kapitän Albacete Ende.

Logbucheintrag #0033, 4. August 2117, 18:41 Uhr – Captain Serafin H. Albacete
Der überwiegende Teil der Mannschaft ist schon den Kapseln, bloß noch Doktor Schreiber und ich sind wach.
Da ist dieses Geräusch.
Ein helles Summen, ich höre es ganz deutlich. Doktor Schreiber kann es nicht hören und wenn ich dem Geräusch zu seiner Quelle folgen will, scheint diese sich zu … verschieben. Ich dachte erst es kommt vom Maschinenraum, aber als ich dort ankam klang es ganz so, als käme das Geräusch von weiter oben. Was soll das? Jetzt gerade, jetzt gerade höre ich es immer noch.
Doktor Schreiber hat mich gebeten in meine Kapsel zu steigen. Vermutlich hat sie Recht, aber ein wenig Sorge hab ich schon. Sollte ich doch einen der Techniker aus dem begonnenen Hyperschlaf holen und der Sache auf den Grund gehen? Ich weiß es wirklich nicht.
Kapitän Albacete Ende.

Logbucheintrag #0034, 1. August 2121, 12:29 Uhr – Captain Serafin H. Albacete
Hämmernde Kopfschmerzen – ich dachte über diese Phase sind wir hinaus? Auch bin ich der einzige mit dieser Nebenwirkung. Dazu jede Menge wirre Träume im Hyperschlaf. Dieser mächtige Fischmann war wieder dort. Er stützte sich auf eine gigantische, reich verzierte Säule und verlangte von mir meine Mannschaft zu opfern.
Ungeheuerlicher Gedanke.
Ich denke darüber nach mit unserem Bordpsychologen darüber zu sprechen. Aber in dem Fall könnte es mich das Kommando und die Sicherheit der Besatzung kosten. Würde der Kapitän für Unzurechnungsfähig erklärt – nicht auszudenken was bei der bereits angespannten Lage passieren könnte.
Immerhin ist bisher keiner ausgeflippt. Vielleicht wird jetzt alles besser. Ich glaube Mlodecki hat mitbekommen, dass ich etwas fahrig bin … Kapitän Albacete Ende.

Logbucheintrag #0038, 28. August 2121, 23:14 Uhr – Captain Serafin H. Albacete
Ich kann nicht schlafen. Es ist zum verrückt werden. Seit dem Hyperschlaftest vor vier Tagen habe ich kein Auge zugemacht. Immer öfter habe ich Gedächtnisaussetzer. War ich hier schon?
Gerade jetzt schwebe ich durch die hinteren Bereiche unseres Schiffs auf der Suche nach dem Ursprung dieses infernalischen Summens. Ja, es ist noch da. Ich verdränge es die meiste Zeit, außer mir hört es niemand, aber es ist da. Immer.
Ich nähere mich einer Schleuse und es wird lauter, dahinter müsste es sein. Doch öffne ich das Schot – nichts. Dann kommt es von weiter her, weiter hinten. Wie ein Idiot schwebe ich in kruden Kreisbahnen durch das Schiff. Und komme nicht an.
Ob wir wohl jemals ankommen werden?

Logbucheintrag #0040, 1. September 2121, 15:02 Uhr – Captain Serafin H. Albacete
Die nächste Schlafphase steht bevor. Endlich ausruhen, das Summen vergessen. Zwischenzeitlich habe ich schon kurze Halluzinationen bekommen – habe den Fischgott draußen vor dem Schiff gesehen und sein Gesang hat sich mit dem Summen vermischt. Ist wahrscheinlich nichts, man kann bei dem Schlafentzug, unter dem ich leide nicht erwarten, dass alles reibungslos läuft.
Mlodecki hat schon wieder von Abbruch gesprochen. Zum Glück trifft sie nicht die Entscheidungen.
Die Besatzung ist bereits in ihren Kapseln. Es gibt mir ein gutes Gefühl, dass bei ihnen schon länger keine Auffälligkeiten mehr zu Tage gefördert wurden.
Da ertrage ich doch gerne die Bürde von Kopfschmerz und Phantomgeräuschen.
Kapitän Albacete Ende.

Logbucheintrag #0041, 4. September 2125, 09:12 Uhr – Captain Serafin H. Albacete
Wie grauenvoll! Doktor Mlodecki ist tot. Während der Schlafphase! Die Ärmste ist erstickt, dem vielen Blut nach an ihrer eigenen Zunge. Doktor Schreiber und ich werden gleich die Überwachungsanlage überprüfen, um zu sehen wann und wie das passiert ist. Damit steht Projekt ›Deep Dive‹ vor dem Scheitern.
Es ist völlig unklar wie das überhaupt möglich war.

Wann habe ich mich eigentlich am Arm gekratzt? Wieso bin ich in dieses Abteil geschwebt?

Logbucheintrag #0042, 4. September 2125, 11:56 Uhr – Captain Serafin H. Albacete
Alles weg! Jemand hat bereits vor dreizehn Jahren die Überwachungsaufnahmen gestoppt. Die nötige Freigabe für sowas haben nur Mlodecki, Schreiber und ich. Schreiber beteuert nichts Derartiges getan zu haben, ich war es offensichtlich auch nicht. Bleibt Doktor Mlodecki selbst, die damit jede Nachforschung zu ihrem Ableben unterbunden hat. Wir haben die Aufnahmen jetzt wieder eingeschaltet.
Inzwischen hat Doktor Millman seine Autopsie durchgeführt. Die Hyperschlafkapsel macht eine genaue Bestimmung des Todeszeitpunktes sehr schwierig, aber er glaubt, dass sie bereits vor über einem Jahr den Löffel abgegeben hat. Wir haben daraufhin die Kapsel untersucht – ein Fehler ist nicht zu erkennen, der Alarm wurde einfach nicht ausgelöst. Wie kann das sein? Jemand muss die Programmierung geändert haben. Aber wer?
Doktor Mlodecki hat in der Tat ihre eigene Zunge abgebissen und ist an dem Fleischstück erstickt. Üble Vorstellung. Dabei hat sie offenbar nicht mit einem kräftigen Ruck, sondern mit sägenden Bewegungen die Zunge abgetrennt. Millman sagt, dass wäre überaus schwierig, aber wohl die einzige Erklärung.
Wir haben keine Möglichkeit jetzt noch etwas zu unternehmen. Uns bleibt keine Wahl, wir planen alle nötigen Schritte, um zurück zur Erde zu fliegen. Das Projekt ist hiermit offiziell gescheitert.
Kapitän Albacete Ende.

Logbucheintrag #0046, 2. Oktober 2125, 20:43 Uhr – Captain Serafin H. Albacete
Derzeit beträgt unsere Entfernung von der Erde 4,448 Lichtjahre. Der programmierte Kurs wurde geändert, Fomalhaut b ist nicht mehr unser Ziel. Wir kehren zurück.
Die bekannten Probleme mit meinem Schlafentzug und Gedächtnislücken bestehen weiterhin.
Insgesamt sind fünf Hyperschlafphasen vorgesehen, wahrscheinlich jede davon mit Kopfschmerzen für mich. Nach den zwei Todesopfern die wir bisher zu beklagen haben, scheint dies ein kleiner Preis.
Die Kapseln für unsere erste Schlafphase auf dem Rückweg sind bereits bestückt, die Besatzung schlummert.
Es summt noch immer.
Wir haben noch lange darüber nachgedacht, ob jemand aus der Besatzung den Tod an Doktor Mlodecki zu verantworten haben könnte. Ich hatte ja zuerst Doktor Devonshire im Verdacht, immerhin war er der erste auf dieser Mission, der sich seltsam verhalten hat. Auch Doktor Schreiber scheint eine logische Verdächtige, immerhin hat sie alle Freigaben, könnte jedes System manipulieren. Wollte sie unsere Mission sabotieren?
Inzwischen glaube ich nicht mehr an einen von den beiden. Sie passen nicht ins Profil. Wer könnte es sonst gewesen sein?
Wir haben zur Sicherheit aller ein Drei-Personen-System implementiert. Wir riskieren niemanden alleine zu lassen. Außerdem haben Schreiber und ich alle Kapseln persönlich kontrolliert. Irgendwem muss ich vertrauen, sonst sind wir verloren.

Gleich soll ich mich in meine Kapsel begeben, aber das Summen treibt mich in den Wahnsinn. Ich mache einen letzten Rundflug durch alle Abteilungen des Schiffs, auf der Suche nach diesem grauenvollen Geräusch. Oder ist es ein Singsang? Vielleicht höre ich nur nicht gut genug hin.
Die Tatsache, dass diese Mission so kläglich gescheitert ist, lange bevor wir auch nur in die Nähe von Fomalhaut b gekommen sind, wird mir ewig nachhängen. Ich habe kläglich versagt.
Jetzt bin ich am medizinischen Abteil, dachte gerade noch das Singen kommt von hier, aber es liegt alles still … dort hinten vielleicht?
Ich kontrolliere lieber die Route erneut. Nachdem Doktor Mlodecki offensichtlich die Überwachungsanlagen manipuliert hat, kann man nicht vorsichtig genug sein.

Wie bin ich … mir ist nicht klar, wie ich in dieses Abteil gekommen bin. Die verfluchten Aussetzer. Ich brauche dringend Schlaf.
Aha! Da wurde tatsächlich nochmal Hand angelegt. Das kann die verstorbene Mlodecki nicht gewesen sein. Wer dann? Schreiber doch nur. Das würde vieles erklären. Sollte ich sie aus dem Hyperschlaf holen und konfrontieren? Zunächst den Kurs korrigieren. Ziel bleibt Fomalhaut b. Jemand hat versucht uns zur Erde zurück zu schicken. Warum bloß? Besser ich sperre die Zielkontrolle mit meinem persönlichen Code.
Moment, was ist das? So laut war der Klang noch nie. Es ist ein Ruf, ich kann es fast verstehen, wenn ich mich nur konzentriere. Diese Richtung.
Warum haben sie mich verlassen? Die ganze Besatzung, wie … warum sind sie nicht mehr hier. Ich bin völlig alleine, doch da ist dieser Gesang. Von den Außenschleusen kommt er.
Wow! Plötzlich ist da Schwerkraft. Zum ersten Mal seit so langer Zeit kann ich laufen. Wie kann das sein? Die Schleuse, das erste Schot ist offen. Aber da ist kein schwarzes Weltall hinter dem Bullauge, da ist eine Planetenoberfläche. Sind wir schon gelandet? Habe ich so große Aussetzer?
Ich sollte mir besser einen Raumanzug anziehen, aber der himmlische Gesang … kann es sicher sein? Der Planet sieht kahl aus, bläulich. Kann es der Mond sein, zu dem wir wollten? Ich muss es herausfinden. Sind meine Leute schon draußen? Es muss so sein, sie haben mich zurückgelassen. Ich folge ihnen.
Ich werde erwartet.
Er …

Logbucheintrag #0047, 4. Oktober 2129, 10:12 Uhr – Commander Melanie Schreiber
Wir hätten Albacete stoppen müssen, als wir es noch konnten. Soweit ich die Bilder der Überwachungskameras sehen kann, hat er zunächst den Navigationscomputer manipuliert und dann die Gastador über die Außenschleuse verlassen. Ohne Raumanzug.
Gemäß Protokoll übernehme ich, nach seinem und Frau Mlodeckis Ableben, hiermit die Leitung der Mission. Wir werden versuchen seine Programmierung zu umgehen, aber aktuell ist der Kurs gesperrt und Kontrolle über die Steuerung erhalten wir erst beim Eintritt in die Atmosphäre des Ziels zurück.
Da die Mission als gescheitert deklariert worden ist, müssen wir zurück zur Erde. Stattdessen hat uns der verrückte Kapitän wieder nach Fomalhaut geschickt. Und nicht wie geplant zu einem Mond von Fomalhaut b, sondern direkt zu dem Gasriesen mit dem Namen ›Dagon‹ selbst.
Falls wir die Route nicht ändern können, bleibt uns nichts anderes übrig, als die verbliebene Reisezeit von fast einhundert Jahren zu überstehen.

Wo kommt plötzlich dieses Summen her?

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