Die Königin der Kelche

Mit langen Schritten trat Djashmin auf ihren Balkon, spürte die Kühle des Steins unter ihren Füßen und den kräftigen Wind in ihren Haaren. Sie kletterte behände auf die Balustrade und sah auf ihr versammeltes Volk herab. »Die Königin ist nackt!«, rief jemand.

Die ersten fingen an zu johlen, zu lachen und zu grölen. Immer mehr Leute pfiffen, Frauen verdeckten ihre Augen und Männer begannen zu geifern. Djashmin blickte unbeirrt auf die Einwohner von Muhamesad hinunter. Ihre Miene war hart. Sie wartete. Wartete, während die Menschen auf sie zeigten, lachten und sabberten. Nach einer Weile ließ der Lärm etwas nach und sie reckte die linke Faust zum Himmel. Schlagartig halbierte sich die Zahl der Lachenden. Doch noch war es nicht still, also holte Djashmin Luft und brüllte im tiefen Befehlston einer Anführerin von ihrem Balkon: »Ruhe!«

Da wurde es still. Kaum mehr als ein unterschwelliges Murmeln, leiser als die Böe die über den Platz wehte, war noch zu hören. Zufrieden lächelte die Königin und begann mit ihrer Rede. Ihre Stimme war fest und laut, der Wind trug sie über den gesamten Platz der Freiheit.

»Wenn es meiner Kleider bedarf, damit ihr mir den nötigen Respekt zollt, was für eine Königin bin ich dann? Was bedeutet meine Krone und was mein Zepter? Solltet ihr nicht meinem Wort lauschen, anstatt mir lüsterne Blicke zu zuwerfen oder eurer Gesicht abzuwenden? Das Hemd das ihr tragt, was ein jeder um seinen Körper wickelt als Rüstung vor seinem Nachbarn, es bedeutet nichts. Wir alle haben die gleiche Haut. Ist meine nicht ebenso dunkel wie die eure? In unseren Herzen fließt das gleiche Blut. Ist das meine nicht so rot wie das eure?« Sie ließ ihren Blick für einen Moment gleiten, bevor sie weiter sprach. »Darum legt euer Hemd jetzt ab.«

Sie wartete. Ihre Worte wirkten nach, die Menschen sahen sie an, sahen sich gegenseitig an. Niemand zog seine Kleidung aus.

»Jeder. Jetzt und hier, soll sich nackt ausziehen, seine Rüstung ablegen, Hemd und Kleid und Hose. Das Geburtsgewand, so wie ich es vor euch trage, und sonst nichts soll eure Seele verhüllen.«

Weiterhin verharrten die Bürger starr auf dem Platz. Selbst geflüstert wurde jetzt nicht mehr. Dann sah Djashmin einen alten Mann, der seine Tunika über seinen Kopf zog, nur wenige Meter entfernt. »Du dort! Wie ist dein Name?«, rief sie ihn an.

Der Mann sagte etwas, doch es war zu leise und die Königin verstand nicht. »Lauter!«, befahl sie.

»Er sagt, er heißt Theorok, Herrin, Theorok, der Schmied«, rief ein junger Mann anstelle des Greises.

»Nehmt euch ein Beispiel an Theoron, dem Schmied. Legt die Scham ab, sie nützt euch nichts. Legt die Kleider ab, sie bedeuten nichts!«

Nun begann es. Immer mehr Bewohner der Stadt zogen ihre Hemden und Hosen aus, legten ihre Kleider, sogar die Schuhe und Unterbekleidung ab. Es raschelte und rauschte, während Djashmin zufrieden auf ihr Volk sah. Einige Männer und Frauen, vor allem jüngere, fühlten sich genötigt ihre Scham zu bedecken, doch die meisten standen nun nackt in der Menge.

»Wir sind alle gleich. Egal ob Bäcker oder Soldat, ob Schmied oder Priester, ob Bauer oder König. Seht euch um, wir sind alle gleich. Niemand ist besser als der andere, niemand ist wichtiger als der andere, denn wir sind alle gleich. Wir brauchen uns, jeder ist abhängig von den anderen. Was wäre der Bäcker ohne den Müller? Er braucht sein Mehl, sonst kann er nichts beitragen. Was wäre der Müller ohne den Bauern? Er braucht sein Korn, sonst kann er nichts beitragen. Was wäre der Bauer ohne den Schmied? Er braucht sein Werkzeug, sonst kann er nichts beitragen.«

Wieder machte sie eine Pause. Ließ ihre Worte wirken. Wartete.

»Was aber, was wäre ich ohne euch alle? Ich brauche euer Vertrauen. Mehr als jeder andere, bin ich auf euch angewiesen. Wenn ihr eurer Königin nicht mehr vertraut, wer wäre ich dann noch? Also schenkt es mir, schenkt mir euer Vertrauen, damit ich euch eine gute Königin sein kann. Damit unser Land blüht und gedeiht. Damit ich etwas beitragen kann, zum Erfolg unseres Volkes. Auf das es in Sicherheit und Wohlstand leben kann, für immer.«

Noch eine kurze Pause, bevor sie schrie:

»Vertraut ihr mir?«

Das Volk klatschte, einige jubelten.

»Vertraut ihr mir?«, lauter.

Der Jubel schwoll an, immer mehr stimmten mit ein.

»Ich frage euch: Vertraut ihr miiiir?«, schrie Djashmin mit aller Kraft und das Volk antwortete. Sie jubelten, feierten ihre Königin. Viele warfen ihre Kleider in die Luft, sie klatschten und riefen ihren Namen. Lächelnd hob sie ihre Arme, formte mit den Lippen ein unausgesprochenes ›Danke‹ und stieg von der Balustrade herunter.

Als die den Palast betrat, riss sie dem Wesir, der sie mit offenem Mund anstarrte, ihre Kleider aus den Händen und knurrte: »So macht man das.«

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